Verfasst von: markolange | 15. Juni 2015

Podologie

eiskaltes Händchen

Der Sommer hat in den letzten Tagen wieder seine schwarze Seite gezeigt. Obwohl, genau genommen ist sie meist eher braun-beige. Besockte bzw. meist unbesockte Herrensandalen mit Fußnägeln, die deutliche Assoziationen zu Kartoffelchips (die Großen mit Paprika) freisetzen. Irgendwer hat neulich mal im Fernsehen richtigerweise festgestellt, dass viele Männer nach dem ersten Besuch der Fußpflege bemerken, dass sie nicht Größe 45 sondern 42 am Geläufe haben. Zudem wurde ihnen nach der Behandlung die Fähigkeit genommen, durch das Vorbeischrammen an der häuslichen Hauswand, Kabelkanäle in die Wand zu fräsen. Wie auch immer. In jedem Fall durfte auch ich vor kurzem das erste Mal den medizinischen Dienst eines Podologen in Anspruch nehmen. Wer´s nicht weiß, das Fachgebiet eines Podologen hat trotz des im Namen beinhalteten Mundwassers nichts mit dem Rachen, sondern mit der Fußgesundheit zu tun. Der Hufschmied des Homo Sapiens sozusagen. Wie kommt man zu einer solchen Begegnung? Begeisterte Hallenbadbesucher wissen, dass Keime gern siedeln. Meist in Ecken oder gern an ihnen auf den Kopf tretenden Füßen. Ist ein Nagel annektiert, wird gepinselt und geschmiert. Hilft auch das nicht lange Zeit, steht der Podolog bereit. Naja, war ein Versuch. In jedem Fall nötigt es dem ängstlich veranlagten Durchschnittsthüringer Überwindung ab, beim Fachmann frühzeitig zu klingeln. Ein wenig wie vor der Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Und die Behandlungsgeräusche ähneln sich auch noch. Sitzt man dann da, ist es ein sehr befremdliches Gefühl, wenn ein gummibehandschuhter Mensch vor einem kniet und mit einer wassergekühlten Schleifmaschine die absolute Mehrheit des großen Zeh´s wegfräst. Obacht! Es gibt Podologen, die arbeiten noch ohne Wasserkühlung. Hier empfiehlt es sich, einen Autofeuerlöscher neben sich zu stellen, um notfalls einschreiten zu können, bevor der Fachmann Grillgut aus der Zehe macht. Von der Geruchskulisse mal ganz abgesehen. Man erinnert sich, wenn mal wieder ein Steak in die Holzkohle gefallen ist? Letztendlich muss ich aber sagen, hat sie das richtig gut gemacht. Sieht zwar jetzt ein paar Wochen aus, als hätte der Dobermann vom Nachbarn draufrumgekaut, aber Besserung ist in Sicht. Und allen Kartoffelchipsträgern im Globus werfe ich heimlich eine Visitenkarte meiner Nachbarn in den Einkaufswagen. Die sind nämlich Podologen. Und zwar Gute!

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Verfasst von: markolange | 13. April 2015

Ziehen Sie bitte eine Nummer!

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Ziehen  Sie bitte eine Nummer!

Man kann sich heute alles schicken lassen. Möbel, Essen, Klamotten, einfach alles. Auch solche Einkaufsparadiese, für deren Besuch man bisher einen Tag Urlaub genommen hat, verschicken Ihren gesamten Hausstand nunmehr auf Zuruf oder Onlinekauf. Auch das nette nordische Einkaufsparadies in blaugelb gehört dazu. Problematisch ist nur, dass die empfindliche Ware eben nicht mit der gefederten Elchkutsche rollt oder auf einem Postboot sanft übern Fjord gerudert wird. Nein. Hierzulande kommt sowas wie DHL. Der Holprige Lieferservice. Öffnet man in Vorfreude das Paket mit dem 18-teiligen Service, stellt man fest, dass man nach dem Transport durch die inländischen Lastesel ein paar Gäste ausladen muss. Oder man stellt die Party auf Fingerfood um. Nun ist es mal passiert und die Frage lautet: „Woher Ersatz nehmen?“  Leider soll man zum Umtausch in das Kaufhaus seiner Wahl gehen. Aber exakt  das oder besser den Weg wollte ich mit  der Bestellung doch vermeiden! Wie ungünstig! Und dann verkündet mir die Website noch frech, dass das Warenhaus, das vielleicht auf einem meiner Wege gelegen hätte, meine Teller und übrigens auch Aufbewahrungsboxen, die ebenfalls Schrott sind, nicht vorrätig haben. Macht nix. Fahren wir halt nach Leipzig. Wenn man einen großen Bogen um Zeitz macht, kann das ne schöne Fahrt werden bei Sonnenschein. Gesagt getan, alle defektenTeile, Lieferschein, Bezahlnachweis und Beweisfotos eingepackt und ins Auto. Das wird ein Kinderspiel mit Hotdog.

Leipzig hat sein Schwedenkaufhaus modernisiert. Sieht toll aus und hat viel Platz. Zum Warten! Kommt man zum Drehportal herein, öffnet sich vor einem die Reklamations- und Warenausgabehalle. Allein 6 Schalter zum Thema Warenrückgabe/Umtausch. Super. Gegenüber stehen gefühlt 100 Ledersofas, auf denen dutzende Menschen lümmeln und nichts tun, als mich anzuschauen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht warum. Ich stand also vor den Schaltern und kam mir blöd vor. Vor mir wurde ich ignoriert und hinter mir hatte ich das Gefühl, als glotzen mich hundert Augenpaare an und tuschelten. Ich sah mich um, fand aber nix falsches. Dann erspähte ich einen kleinen Kasten mit Bildschirm und mir war klar, dass hier das aus dem Urlaub und der Zulassungsstelle allseits bekannte Spielchen: „Wir ziehen eine Nummer.“ gespielt wird. Ich ging also hin und las was da drauf stand. Leider nichts für mich. Nix Umtausch, Nix Reklamation. Ich scannte den Raum und fand noch einen Informationscomputer, sonst nichts, was mir weiterhalf. Dann beobachtete ich einen Mann, der hinter einem Werbeaufsteller anhielt, ca. 45 Grad mit dem Oberkörper nach vorn klappte und mit einem Papierschnipsel in der Hand wieder vor kam. Aha. Da war noch einer von den Automaten. Und damit man ihn nicht gleich fand und die Leute ihren Spaß hatten, haben die so nen Aufsteller davorgestellt. Nun hatte ich also meine Nummer und ließ mich ins Ledersofa fallen. Während ich so da saß, verstand ich recht schnell, weshalb die mich vorhin alle so grinsend angeschaut hatten. Ich denke, etwa jeder fünfte stellte sich zuerst am Schalter an. War ja kein Schild dort zu lesen wie es funktioniert. Nachdem derjenige „dran“ war, bekam er vermutlich zum 1000. Mal an diesem Tag von einem schon zerknirscht wirkenden Mitarbeiter in Verbindung mit einer Armbewegung Richtung Werbeaufsteller gesagt, dass er doch bitte eine Nummer ziehen solle. Total begeistert trabt er dann ab und der Blutdruck der Sitzenden und Wartenden sinkt wieder, denn man kann, während man da sitzt, das Getuschel auf den Nachbarsofas hören. „Der geht da einfach vor!“ oder „Wenn der jetzt drankommt, steh ich auch auf!“  oder „Orr ist der doof!“. Dabei ist doch IKEA selbst schuld. Mit einem Volk, dass Bürgerkriege anzettelt, weil im Kreisverkehr einer von innen nach außen wechseln will, kann man doch nicht ernsthaft so ein System einführen. Wo soll man sich denn ordentlich aufregen? An der Wursttheke im Globus geht das viel besser.

Da macht es plötzlich „Bing“ und meine 112 wurde aufgerufen. Die Tatsache, dass das eine europäische Notrufnummer ist, half mir heute wenig. „Guten Tag, ich hatte bei Ihnen bestellt. “ grüßte ich die Dame vor mir und die schaute mich verständnislos an, weil Sie den Zusammenhang nicht verstand. „Sie hatten mir per Post geliefert, und das, was die Post kaputtgenacht hat, möchte ich gern umtauschen. Sie haben es vorrätig, sofern das Internet stimmt.“ Immer noch Stille. Dann krümelt folgendes aus ihr heraus: „Ja, äh, die Boxen hatten Deckel.“ Da sie die Stimme am Ende nicht hochzog , nahm ich es als Aussage und nickte. „Das geht aber nur zusammen.“ Jetzt war ich kurz still. „Wie meinen Sie das ?“  „Na das war doch zusammen. Behälter und Deckel. Wo sind die Deckel?“ Ich: „Zu Hause. Die sind ja noch ganz.“ „MMMhh, mal sehen ob das überhaupt geht.“ Ich: „Das geht ganz sicher, denn ich fahre wegen zwei Plastedeckeln im Warenwert von drei EUR nicht nochmal nach Gera und zurück!“ Wieder Stille. Sie tippt meditativ auf Ihrer Tastatur herum. „Ach doch, es geht. Glück gehabt.“  „Nicht ich hab da grade Glück gehabt!“, denke ich so bei mir, als der nächste Angriff folgt. „Was ist das?“  Ich wahrheitsgemäß: „Kaputte Teller.“ Sie wieder: „Die sind doch aus einem Service.“   Ich wandle ihre Aussage zur Frage und antworte: „Richtig.“ Sie: „Wo ist der Rest?“ Ich im Déjà-vu: „Zu Hause, weil noch ganz und eh Sie fragen, nein, ich bring es nicht hierher.“  Sie, schon etwas pikiert: „Na das kann jetzt aber dauern, denn da muss ich erst mal Mitarbeiter in den Abteilungen finden, die mir das herbringen und dann müssen wir die Teller da rausnehmen und…“ Ich unterbreche Sie mit der Feststellung: „Genau!“  Sie vergnatzt: „Dann gehen Sie doch schon mal durch den Shop und kommen nachher wieder vorbei, wenn wir das rausgesucht haben.“ „Ich will aber nicht in den Shop.“ „Nicht?“ „Nein, ich geh jetzt maximal einen Hotdog essen, kauf mir etwas Marmelade und Hering und dann komme ich wieder. Muss ich dann wieder so ne nette Nummer ziehen?“ will ich wissen. „Nein, sie können dann einfach kurz herkommen und dann machen wir das zu Ende.“ Na das war doch ein Ausblick. Also ab zum Hotdog, zur Marmelade und dem Knäckebrot, dabei die zehnte Klappbox aus Faulheit gekauft und nach etwa 15 Minuten war ich wieder zurück vor Reklamationsschalter Nummer 5. Und der war leer.

Ein Sofa in der ersten Reihe war frei und ich platzierte mich mittig, um für die Reklamationskönigin unübersehbar zu sein. Nach 10 Minuten war immer noch keiner da und da ich ja vereinbart hatte, dass ich keine neue Nummer ziehen musste, wartete ich geduldig weiter. Nach 15 Minuten entschied ich mich, irgendwie Blickkontakt mit der Kollegin an Schalter 6 aufzubauen. Das gelang aber nicht, weil alle Mitarbeiter jedweden Blickkontakt vor den Schaltern vermieden, denn ständig umkreisten sie Kunden, die noch nicht geschnallt hatten, dass sie Nummern ziehen mussten. „Bloß nicht hochgucken, sonst werde ich angesprochen!“ war das Motto der Mitarbeiter. Dazu wurde der Sichtkontakt geschmälert, weil vollgebaute Einkaufswagen gleich einer lahmen Tankerflotte, mühsam über den Hauptgang geschoben wurden. Möglichst nebeneinander, damit keiner mehr durchkam und ständig wer aneckte. 20 Minuten! Ein junges Pärchen zerstörte mit ihrem Billy-Streitwagen einen vollen Metall-Müllkübel vor der Hot-Dog-Station. Jetzt war es mir langsam wurscht, ob sich die Bürgerwehr mit den Nummern in der Hand aufregte, dass ich einfach an den Schalter ging. Hätte ich nochmal einen Zettel gezogen, wär ich längst dran gewesen. „Entschuldigung!“ trat ich vor den Schalter 6. „Ich möchte nur meine Sachen abholen. Die stehen schon da hinten.“ und ich zeigte auf die Boxen und die drei Teller. „Haben Sie eine…“ Sie konnte den Satz nicht vollenden. „Nein ich habe keine Nummer oder besser ich hatte schon mal eine aber ich brauch jetzt keine, weil Ihre Nachbarkollegin mir das vorhin so gesagt hat.“ „Die Kollegin ist leider nicht mehr da.“  Ich platz gleich! „Dann sind SIE jetzt sicher so nett und geben mir meine Sachen! Ich sitz schon 20 Minuten hier rum und versuche dezent auf mich aufmerksam zu machen, aber das ist ja nicht so einfach.“ „Wieso?“ „Weil ständig neue Nummern aufgerufen werden, Ihre Kollegin weg ist und Ihnen offenbar nichts gesagt hat! Was soll ich denn machen?“ „Was ist denn bei Ihnen überhaupt gewesen?“  Orrr, die ganze Story nochmal. Nachdem ich meine Ware endlich hatte, sagte ich ihr noch zum Abschied: “ Wissen Sie, Ihr System funktioniert so nicht. Schildern sie gut lesbar aus und reden sie mal mit ihren Kollegen, wenn einer heimgeht. Hier rumsitzen macht keine Freude, auch wenn die Sofas bequem sind.“ Und heute Abend trink ich ein dunkles, schwedisches IKEA Bier darauf. Schmeckt sogar!

ML

Verfasst von: markolange | 1. April 2015

Letzte Ausfahrt

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Als Angehöriger des fahrenden Volkes, also als Teilzeitaußendienstler, muss man viele Dinge logistisch gut durchplanen. Termine, Essen, Rückrufe, Erledigungen, Erkältungen, Staus, Rentner auf Nebenstraßen und natürlich Pausen. Auch da muss man unterscheiden. Es gibt Pausen zum  Erholen, Essen, Telefonieren, Warten oder auch Erleichtern. Letzteres ist nicht immer planbar, aber meistens. Hat man die Möglichkeit, so ist das Ansteuern eines Rastplatzes mit gepflegter Sanitärkeramik ein Muss. Nichts ist fürchterlicher, als ein sibirisches Survival Klo im Dickicht des deutschen Nadelwaldes, bei dem man sich an einem Stock festhält und   mit dem Zweiten Pilzsucher und Wildschweine vertreibt oder aber  einen dieser osteuropäisch belagerten Rastplätze mit quartalsweise gekärcherten Innenräumen und Edelstahlbrille benutzen zu müssen. Ein Geruch wie am letzten Tag vor den Dixis beim Rockfestival und außer sinnfreien Schmierereien irgendwelcher Fußballhirnis ist alles weg, was man tragen oder abschrauben kann. Man fragt sich manchmal, wo diese Menschen eigentlich sind, deren Autos auf diesen Raststätten stehen. 5 PKW´s und 5 LKW´s. Keine Menschen zu sehen. Weder in noch um die Autos. Die Büsche sind im Winter unbelaubt und damit gut einzusehen. Also da können Sie auch nicht stecken. Bildlich gesprochen sozusagen!  Das alles ist sehr verdächtig. Na jedenfalls kann es einem passieren, dass der morgentliche Termin in der Fremde, eine vollständige sanitäre Nutzung im heimischen Bade nicht ermöglicht. Es geht auf den Weg zu Kunden, denn man will ja pünktlich sein. Bereits auf dem Hinweg beschleicht einen das Gefühl des Druckes, was jedoch aus Zeitgründen ausgeblendet wird. Beim Kunden angekommen ergießen sich Begrüßungen und Höflichkeiten, die meist das Trinken von Kaffee nach sich ziehen, über einen. Je nach Geschick des Kochenden, belebt das Getränk, läuft belanglos ins Gedärm oder bringt durch seine übertriebene Schwärze selbiges in völligen Aufruhr. Von nun an beginnen Höflichkeit, der Wunsch nach einem Gesprächserfolg beim Kunden und Körperbeherrschung einen wilden Kampf ums Überleben. Während man sonor über geschäftliches spricht, schreit ein zweites Ich in einem nach Entlastung und rechnet a la Google Maps die Minuten zu nächsten Tankstellen oder Waldwegen aus. Dazu strafft sich mit Wille der Körper, um nicht 45 Grad gebückt  mit Perlen auf der Stirn vom Kunden zum Auto hinken zu müssen. Direkt beim Kunden um Erleichterung zu bitten, ist ausgeschlossen. Das verbietet die Etikette und würde eine nicht wieder reparable Scham nach sich ziehen. Endlich ist der Termin vorbei und alle Gesichts- und Gesäßmuskeln ermöglichen gerade noch einen würdevollen Gang zum Fahrzeug. Wohin? Autobahn. 15 Minuten bis zur regulären Raststätte und ihren blöden Sanifair-Gutscheinen. Eine Transit-Mafia, die mit der Notdurft der Reisenden ihr wucherndes Geschäft betreibt. Aber eben ALTERNATIVLOS und damit kann man es in Deutschland ja zu was bringen, wie wir wissen. 15 Minuten können eine sehr lange Zeit sein. In Sinne des Wiederverkaufswertes des Fahrzeuges und der eigenen Selbstachtung, reißt man also das Steuer steuerbord, denn deswegen heißt das so und kommt in Sichtweite der bungalowgroßen Notdürftigkeit zum stehen. Er stürmt außen orkanisch und innen mit „g“. Ein PKW mit der Aufschrift „LINDE- technische Gase“ steht noch in der Nähe und ist ob seiner Werbung deplaziert. Vor dem Zuschlagen der Autotür, erinnert einen die Vorfreude auf das nun kommende, dass sich im Handschuhfach noch ein paar Hygienetücher befinden, die man immer mal braucht, wenn man Diesel oder Döner von den Händen entfernen will. Dann wird es für die Edelstahlbrille mit europaweit siedelnden Keimvölkern wohl genügen. Drei Tücher wohnen noch drin. Zwei sind nötig, um den Mut zu Nutzung des Abortes ausreichen zu lassen. Noch im Niedersitzen konnte man wie in Zeitlupe auf der linken Seite des Sitzmöbels acht oder gar 10 vertikal ins Mauerwerk verbrachte Fächer mit Toilettenpapierrollen erkennen. Bis das Hirn allerdings realisierte, dass alle Fächer leer waren, sind längst entlastende Fakten geschaffen. Wer bitte klaut Krepppapier, das so billig und grob ist, dass man damit Edelstahlkanten entgraten kann? In diesem Land wird alles geklaut, was großzügige, sozial eingestellte oder einfach nette Unternehmer der Allgemeinheit feil bieten. Kostenlose Windeln, Babyessen, Toilettenpapier oder gar die Flüssigseife, die in Gaststätten aus den Spendern abgelassen wird. In Schweden oder anderen nördlichen Ländern scheint da mehr Benehmen zu herrschen. In Deutschland nicht. Und mit dieser Erkenntnis und dem Wissen um ein letztes Feuchttuch in der Packung, versucht man nun ein in der Jeans gefundenes Tempotaschentuch zu sechsteln und diese Prozedur noch irgendwie würdevoll aussehen zu lassen. Der Sturm fegt heulend durch die Boxen und am Ende muss man dann auch noch feststellen, dass der automatische Wasserhahn nicht funktioniert. Statt dessen fönt ein mittels Lichtschranke entfesselter Wind aus der Wand, um die Hände zu trocknen. Sinnlos! Zur gleichen Zeit wickeln 200 km östlich vermutlich irgendwelche rumänischen Trucker Krepppapier auf leere Toilettenpapierrollen und kleben außen ein selbstgedrucktes „Hakle grob“ drauf, um sich durch Weiterverkauf Ihr kargen Lohn aufzubessern. Ein wahrer Scheißjob!

 

Verfasst von: markolange | 20. März 2015

Heimwerker

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Beim Kauf einer Gebrauchtimmobilie sollten einem nach dem Fallen folgender Worte in vielen Fällen die Alarmleuchten angehen. Nämlich dann, wenn der Karohemd ummantelte Verkäufer mit stolzgeschwellter Brust „Hab ich fast alles selbst gemacht.“ in den Raum schmettert. Das kann gut gehen. Muss aber eben nicht. Und bei dem Exemplar, das unser Haus erstbezog und verfeinerte, lag die Kernkompetenz zwar auch eher beim Fliesen als im Bilden von ganzen und vor allem sinnvollen Sätzen, aber bei anderen handwerklichen Tätigkeiten ging es wohl eher nach dem Prinzip „Ein Bier, eine Schraube!“
Da fasse ich nun heute den Entschluss, das nette Zäunchen, das unsere Terrasse malerisch in Holz und mittlerweile Moos begrenzt, zu demontieren und Neues anzuschaffen. Es morschte und gab sogar nach, wenn sich die Katze ranlehnte. Die Zeit war reif. Ich bin mir übrigens sicher, dass Baumärkte heimlich mit alten Düngemittelflugzeugen nachts kauferregende Substanzen grade im Frühjahr über den Wohnstätten versprühen, denn wie ist es sonst zu erklären, dass halb Gera Exkursionen zu Bauhaus unternimmt und die Kombis überlädt. Egal, jedenfalls nahm ich mir heute die Zeit zum fachmännischen Abriss. In einer Stunde wäre dies wohl getan und dann begänne das große Messen und Planen. Dachte ich!
Die Erfindung der Schraube war eine der bahnbrechendsten überhaupt. Weit vor der Erzählung mit dem Prediger und dem Kreuz, so ca. 400 vor Christus, wurde das erste Mal mit Schrauben gearbeitet. Die Griechen waren es. Hätten sie sich mal patentieren lassen sollen. Spaß beiseite. Sinn der Sache war, dass eine Schraubverbindung in der Regel kraft- und formschlüssig und vor allem wieder lösbar ist. Beliebt bei Heimwerkern sind für Zaunbauten sogenannte Schlaghülsen. Vierkantmetalle mit einer langen Spitze, die man mit einem zu schweren Hammer unter Verfehlung des eigenen Schienbeins bis zum Anschlag in den Boden hämmert. Dann kommt das Holz hinein und es werden seitlich Schrauben zur Fixierung hineingedreht. Ist das Holz mal hinüber, kann man problemlos mittels Fachwerkzeug, einem Sohn, der entzogenen Fernbedienung für die Playstation und einem Rohrstock die Verbindung wieder lösen und das Holz austauschen. Dies gelingt aber ausdrücklich nicht, wenn der Spanplattenabiturient der Meinung war, dass das sicher ewig hält, wenn man die Schlaghülsen und Teile der Schrauben einbetoniert! Das einzige, was durch diesen Schwachsinn passiert, ist, dass der nächste Eigentümer des Hauses die neue Adresse des Handwerkers per Privatdetektiv zu ermitteln versucht, damit er ihm in sein neues, hoffentlich Holzhaus, einen australischen Termitenstamm als Briefbombe schicken kann. Und nun ist also schön zu wissen, dass es an den nächsten Wochenenden an geistfreier, körperlicher Tätigkeit mit hässlicher Schutzbrille, Meisel und Hammer nicht fehlen wird. Danke, sag ich da. Danke!

Verfasst von: markolange | 12. März 2015

Möbel-Yoga

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Eine völlig unterschätzte Art von Fitnessprogramm ist das aus dem Schwedischen stammende Möbel Yoga (schwedisch – Billy-Pyssla) Hab ich am Wochenende ausprobiert. Das Grundprinzip ist, ein möglichst sperriges Möbelstück in sandsackschweren Kartons verpackt, in einen dafür eigentlich zu kleinen Raum zu verbringen und dort selbst zusammenzubauen. Zusätzlich nehme man sich ein möglichst redseliges Kind als „Unterstützung“ hinzu und beginne ohne Erwärmung aber mit umso mehr Optimismus die erste Übungseinheit. Eine Zeitbegrenzung gibt es nicht. Man merkt wenn man fertig ist oder von lieben Menschen untergehakt aus dem Haus in ein bunt blinkendes Auto geführt wird. Das alles natürlich erst, nachdem man durch einen beherzten Rückwärtssprung gegen die Tür-Zarge die Bandscheiben wieder an alte Stellen befördert hat. Alles beginnt also mit den Kartons. Schwedischer Leim hat in den vergangen Jahren einen gar deutlichen Qualitätssprung gemacht. Er klebt. Bombenfest und kompromisslos. Das Öffnen der 20 kg Pakete im Schneidersitz und auf den Beinen, dehnt den Lendenwirbelbereich und die Muskulatur der Oberschenkel. Wenn man nach einer Viertelstunde knieabwärts nichts mehr spürt, darf man genervt den griffbereiten Hirschfänger in die Presspappe rammen. Der Erfolg der Übung hängt von nun an davon ab, alle Bestandteile des Montagepuzzles möglichst soweit um sich herum zu platzieren, dass man nicht mehr ran kommt. Dafür ist das Kind da. Keine Schraube kann ohne halben Spagat erreicht werden. Durch den mittlerweile im Raum liegenden Möbelkubus besteht ohnehin keine Möglichkeit, per Petes durch den Raum zu gelangen, weshalb nun auch die seitliche Rücken- und Armmuskulatur stark gefordert und in die Länge gezogen wird. Oder man bittet das Kind lustig um das Zuwerfen von Bauteilen, was ebenso in akrobatischen Übungen wie dem Korkenzieher oder dem gedehnten Ypsilon mündet. Gestört wird man in seinem Einklang mit Schraubenzieher und Holzdübel eigentlich nur, wenn entweder gefragt wird, wie weit man denn schon sei oder das Haustier stolz mit einer Schraube im Maul das Zimmer verläßt. Zeit zum Auflockern, kurzen Sprints oder dem Werfen von Schuhen und Kleidungsstücken. Insgesamt sollte man einzelne Arbeitsschritte auch nicht zu sehr planen. Es ist nicht schlimm, wenn man nacheinander die 3 Möbelpakte, die Bohrmaschine, die Bohrer, den vergessenen Bohrer, die Wasserwage, die Dübel, die richtigen Dübel und die dann doch nicht benötigte Verlängerungsschnur aus der Garage in den ersten Stock holt. Grade im Winter ist die kurze Schockfrostung außer Haus sehr gesund und stärkt die Abwehrkräfte. Bei größeren Projekten, kann man sich mit diesem System sicher die nächste Brocken-Besteigung sparen. Die Höhenmeter hat man im Kasten. Für große oder nicht mit Feinmotorik beschlagenen Menschen, stellen die kleinen Schrauben und Schraubenzieher einen netten Kontrast zum hektischen Alltag dar. Gleich dem Versuch, mit Winterhandschuhen Mikado zu spielen, geht alles mit viel Zeit voran. Zeit, die man z.B. auch benötigt, um die Holzdübel wieder umzusetzen, die man schon leicht genervt in die falschen Bohrungen gepresst hatte. Sicher, man musste ganz schön drücken, aber geht nicht gibts nicht! Nochmal in die Garage. Die Zange holen! Am Ende steht das Meisterwerk pakistanischer Kinderhände und schwedischer Ingenieurskunst und es gibt nur zwei Zustände, die man dann haben kann. Tiefe innere Zufriedenheit oder den Drang, mit einer Motorsäge durchs Dorf zu laufen.

Verfasst von: markolange | 5. Februar 2015

Die Vorzimmerdame

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Nach dem heutigen Facharztbesuch ist mir wieder einmal sehr deutlich geworden, dass es Berufsgruppen gibt, die bestimmte, möglichst genetisch vorgegebene Veranlagungen und Fähigkeiten besitzen müssen, um Ihren Job wie ein Fels in der berühmten Brandung erfolgreich ausüben zu können.  Dazu gehört die Spezies der Vorzimmerdamen oder Empfangschefinnen oder wie heute die Rezeptionsdrohne  in der Arztpraxis. Neben der  schwiegermuttergleichen  Anmut,  eint wohl alle Königinnen Ihrer Zunft das Gemüt eines giftigen Kaktus, Aussprache und Wortwahl eines Hauptfeldwebels sowie das Verständnis, dass Ihr meist burgfömig gestalteter Arbeitsplatz einer massiven, deutschen Flakstellung gleich, bis zum  letzten Tintentropfen zu verteidigen ist. Wer dies im Vorstellungsgespräch nebst gerader Rückenhaltung und Hand am Patronengürtel nicht glaubhaft vermitteln konnte, muss zurück zum Wachdienst.

Stand ich also heute nun vor der Facharztflakstellung und dem Dauerwellenrichtschützen. Ich meine, ich versteh sie ja. Was da teilweise ungehobelt vor ihr frei rumlaufen und sich äußern darf, kann einen schon in den Alkohol treiben. Zudem will ich gar nicht wissen, wie viele es dank Reizhusten und Arthritis nicht mehr schaffen, beim Abhusten in Richtung Flakstellung die Arme schützend zu heben. Das würde ich dann auch als Angriff empfinden. Jedenfalls haben die aktuell Besten Ihres Standes eine Art Service-Autismus entwickelt. Man konzentriert sich aus Selbstschutz nur auf den Patienten, bei dem man grade entschieden hat, dass er dran ist. Der Rest ist Luft. Da kann man röchelnd mit den Armen schwenken oder nackt im Wartezimmer mit Transparenten tanzen, sie ignoriert einen. Nun war ich endlich dran. Nach 20 Minuten Wartezeit grollte es naturgemäß schon leicht in mir, aber ich wusste ja, dass ich gleich Zeit zur Revanche hatte. Hinter mir standen schon wieder einige grade eingetretene Patienten und neben mir zwei Patienten, die schon wieder vom Arzt zurück waren und Rezepte und Termine haben wollten. Stress also. Das schönste, was man in so einer Situation für sich selbst tun kann, sind provozierende Ruhe und absolute Höflichkeit. „Bittä?“ krähte es mich unter Verzicht auf überflüssige Floskeln wie „Hallo“, „Guten Tag“ oder Ähnliches an. Jetzt war es wichtig, mit einem möglichst kurzen Satz, so viel wie möglich Information rüberzubringen, damit ich gleich sehen konnte, wie sie sich darüber freute. „Ich habe heute 14 Uhr mit meinen Kindern den ersten Termin hier in der Praxis.“ Und damit hielt ich Ihr stolz und lächelnd die Krankenkassenkarten hin. Übersetzt hieß das folgendes:

Neue Patienten. Du musst nun zwei neue Karteikarten anlegen. Ätsch! Dann steht      die  Schlange bis raus.

Es ist schon 5 nach 2 und wenn ich hier nicht so lange stehen müsste, hätten wir den vereinbarten Termin vielleicht geschafft.

Ich lächele extra freundlich, damit du merkst, dass ich weiß, dass dich das grade maßlos nervt.

Es war befreiend wie das Ploppen einer kühlen Flasche Pils, nachdem man die Düne am Meer erklommen und sich zur Entspannung in den Sand hat fallen lassen. Man konnte sehen, wie das Gesicht des Feldwebels  einer Lawine gleich, großflächig ein paar Millimeter absackte und aus der Halsschlagader wurde ein pulsierender Feuerwehrschlauch wurde. Himmlisch!

Nun zur Kommunikation. Ich bin ja ein Freund der knappen Sätze, aber wenn es nicht nett klingt, muss man auch manchmal bewusst ein paar Sachen falsch verstehen, damit sich ein Lerneffekt einstellt. „Wo versichert?“ schallte es mir entgegen. Sie meinte den vollständigen Satz: „Bei welchem Elternteil sind Ihre Kinder denn versichert. Bei Ihnen oder Ihrer Frau?“ Meine Antwort: „Oh, die Chipkarten hatte ich Ihnen schon gegeben. Sie liegen genau vor Ihnen. BKK.“ Und lächeln! Sie kochte, ob der scheinbaren Dämlichkeit. Jetzt dauerte es noch länger. „Nein bei welchem Ehepartner.“ „Ich bin nicht verheiratet.“ Kurze Pause wegen Ihres Blutdrucks. „Bei meiner Lebensgefährtin.“ schob ich dann nach. An dieser Stelle hätte es sich ausgezahlt, vorher mal zu fragen, wie ich eigentlich heiße, statt mich wie immer unter „Herr Walther“ gemäß der Nachnamen meiner Kinder einzuordnen. „Gleiche Wohnhaft?“ Das ging gar nicht. Meine Standardantwort an dieser Stelle ist eigentlich. „Nein wir haben alle Schlüssel und dürfen raus, wann wir wollen.“ Das hab ich mir hier gespart und nur genickt, sonst nahm das ja nie ein Ende. Der Begriff „Wohnhaft“ ist ohnehin eines der scheußlichsten Worte die, die deutsche Sprache hergibt. Kann man da nicht Wohnort oder Wohnadresse oder sonst was Nettes sagen? Irgendwann war sie dann fertig und wir durften in den Abstellraum. Die Fenster ganz oben im Raum wie in der U-Haft. Dann sah ich mich mal um und fragte Ole, ob er erkannte, was an dem Raum falsch war. Gelbe Wände, gesichtslose Stühle, Standardkunst und ein Trockengesteck mit falscher Baumwolle an der Wand. „Keine Ahnung.“ sagte er. „Schau Dir mal die Stühle an.“ sagte ich. „Entweder hatten sie einen schlechten Handwerker oder die haben tatsächlich die falschen Stühle gekauft.“ Ole verstand immer noch nicht. „Das Brett an der Wand!“  Man hat die Glanzleistung fertiggebracht, im gesamten Zimmer ein breites, sicher teures und lackiertes Brett in Hüfthöhe an die Wände zu schrauben, damit die Wartezimmerstühle die Wand und Tapete durch das ständige anstoßen nicht ruinierten. So weit so gut. Wenn man dann aber Stühle hinstellt, deren Rückenlehnen ca. 5 cm unterhalb des Schutzbrettes  auf die Wand treffen und sie nun dort ruinierten, muss man schon mit dem Kopf schütteln.  Vor allem, weil es offenkundig schon seit Jahren so hingenommen wurde. Die Wand sah schäbig aus. Plötzlich krähte der Lautsprecher grell und blechern Patientennamen, die sich in bestimmte Behandlungs-, Funktions- oder Besprechungszimmer bewegen sollten. Und dann als Ergänzung, dass sich ein Herr Müller „bereit machen“ sollte. Oh Gott, was will man denn mit dem machen? Wie schlimm musste das sein, dass er sich dafür sogar erst noch „bereit machen“ musste? Und wie macht man das überhaupt? Tiefstart vor der Schwelle des Behandlungszimmers? Einen Abschiedsbrief verfassen? Den Flachmann leeren? Den Facebook Account löschen? Oder meinte man einfach die Vorfreude, die man empfindet, wenn nach mehreren Stunden auf der Kfz-Zulassungsstelle die Nummer aufleuchten sieht, die vor einem dran ist und  man selbst gleich in die heilige Halle der Mobilität eintreten darf. Sicher Letzteres. Am Ende waren es dreieinhalb Stunden unseres Lebens und die Erkenntnis, dass in der Praxis auch viele nette Menschen arbeiteten, die ganze Sätze formulieren, lächeln und mitdenken konnten. Bis auf einen noch. Der nette Praktikant, der zweimal in den Raum hinein sagte: „Christine komm mal mit.“ Keiner regte sich. „Christine komm mal mit.“ Ich sagte ihm dann kurz und knapp und mit einem bösen Blick: „Ohne Christ!“ Dann stand Stine auf und ging mit.

ML

Verfasst von: markolange | 21. Dezember 2014

Wünsche 2015

Wünsche 2015

Es ist die Zeit im Jahr, sich und allen, die einem lieb und wichtig sind, Dinge zu wünschen. Materielle aber vor allem auch Immaterielle.

Das Jahr 2014 lehrt viele Dinge. Die mit Abstand wichtigste Botschaft ist, dass es ganz und gar keine Floskel ist, sich Gesundheit zu wünschen. Gesundheit ist die Basis und sie ist nicht gerecht. Sie zu erhalten kann mit allem Geld der Welt nicht aufgewogen werden, obwohl man manches Mal gern würde.

Ich wünsche uns allen außerdem Fairness und Toleranz. Fairness und Toleranz Neuem und Fremdem gegenüber, Fairness Schwächeren gegenüber, Fairness im Alltag.  Dazu gehört die Wertschätzung der Arbeit von Menschen. Es ist eine höchst notwendige Art des Anstands, sich z.B. eben nicht im Geschäft vor Ort beraten zu lassen und dann im Internet zu kaufen. Beratende Tätigkeit ist Arbeit. Das wird viel zu oft vergessen in der heutigen Zeit. Es ist aber genauso wenig Anstand, mit immer weniger Menschen Unternehmen zu führen und zu sich zu Lasten derer Gesundheit über eine höhere Rendite zu freuen. Premium Rendite heißt allzu oft Premium Krankenstand. Und es ist ebenso kein Anstand, solche Unternehmen als Kunde in ihrem Tun auch noch zu bestätigen und dort zu kaufen oder als Kunde zu bleiben.

Ich wünsche uns ein friedliches Jahr 2015, in dem eben nicht das Motto „Zahn um Zahn“ die Agenda sein sollte. In dem gewählte Volksvertreter das Rückgrat haben, sich nicht von Lobbyzwängen oder Stammtischen leiten zu lassen, sondern nach Wissen und Gewissen zu handeln und auch abstimmen. Sonst sind sie fehl am Platze!

Ich wünsche uns allen einen Wohlstand, der gut, aber maßvoll ist. Der dem Charakter nicht schadet, Familien ein gutes Auskommen sichert und Raum für Wohltätigkeit lässt.

Ich wünsche uns allen, dass wir unsere Freundschaften pflegen und der Satz „Ich habe keine Zeit.“ ein selten gesprochener sein wird.

Ich wünsche uns allen abschließend, dass 2015 einfach einmal ein besseres Jahr wird, als sein Vorgänger. Im Kleinen wie im Großen. Das wird nämlich mal wieder Zeit!

ML

Verfasst von: markolange | 15. November 2014

Auferstehung

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„Und er fuhr auf zum Himmel….“ hat für mich nur zwei Bedeutungen. Entweder spricht jemand über Raumfahrt oder jemand aus Töppeln will meinen Nachbarn besuchen und muss den Berg rauf. Mein Nachbar heißt nämlich Himmel. Sonstige religiöse Infektionen sind mir gottlob (was für ein Wortspiel) fremd. Ich bin wissend, nicht gläubig. Als eines Tages eine tote Katze an meine Balkontür klopfte, war ich allerdings in meinen Grundfesten erschüttert. Was war passiert? Eines schönen Tages verließ unser Kater Max ordnungsgemäß die Balkontür mittels vorwurfsvollem Gemaule. Die Pforte wurde ihm geöffnet. Wie üblich trabte er gen Komposter, um sich eine fette Maus nebst Salatblatt zu gönnen. Das musste irgendwann an einem Sonntagnachmittag gewesen sein. Die Zeit verging und es wurde Abend. Ein normaler Vorgang, da die heimischen Gemächer im Sommer vom Pelztier nur zur Nahrungsaufnahme aufgesucht wurden. Draußen gab`s Mäuse und Weiber obwohl Letzteres aufgrund eines gekonnten Schnittes eines Tierarztes eigentlich vergebliche Mühe war. Ihm war´s egal. Er hatte Spaß. Als der Abend schon in die elfte Stunde gegangen war und der hungrige Vierbeiner immer noch nicht zurück war, wurde ich unruhig. Wenn man sich auf etwas verlassen konnte, dann auf die präzise Gefräßigkeit des Hauskaters. Aber er kam nicht. Auch am nächsten Morgen war er nicht da. Alles Rufen und Locken war umsonst. Der folgende Arbeitstag war irgendwie blöd und das Erste, als ich nach Hause kam, war die Frage: „War Max da?“  War er leider nicht. Den ganzen Abend hatte man immer ein Auge auf die Balkontür, falls er doch auftaucht, aber er tauchte nicht. Nächsten Morgen fuhr ich auf Arbeit. Es regnete in Strömen. Ich bog von unserer Anwohnerstraße auf die Ortstrasse ein und beschleunigte. Ehe ich zum dritten Gang kam , trat ich auf die Bremste. Vor mir auf dem Asphalt lag ein breitgefahrenes grau-weißes Katzenfell. Weiße Füße, graues Fell, weißer Latz. Das war die Erklärung. Der Straßenverkehr hatte ganze Arbeit geleistet. Ich fuhr zurück und holte einen Spaten. Dann löste ich den flachen Vierbeiner von der Schwarzdecke und hob auf der nebenliegenden Wiese eine Grube aus. Das war nicht lustig aber nötig. Mehr war mit den Resten nicht anzufangen. Die wollte man weder Anderen zeigen noch in den eigenen Kofferraum schaufeln. So fand der Kater seine letzte Ruhe an der Landstraße K131 mit Aussicht ins Tal. Es gibt schlimmere Orte. Zu Hause angekommen wurde die Staatstrauer ausgerufen. Das zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre bei uns wohnende Tier fehlte natürlich und so ein Ende wünschte man keinem noch so unbeliebten Nachbarn. Jedenfalls nicht öffentlich. Nach wenigen Tagen des Trübsals kamen wir zu Hause überein, dass eine neue Katze unser Heim bevölkern möge. So traurig wie es war, sollte doch ein neuer Kater das Grundstück bewachen. Und so ward aus dem Tierheim Weimar Kater Hannibal (nicht Lektor) erstanden und eingebürgert. Ein älteres Semester mit gutem Charakter der, stockschwarz wie er war, durchaus Respekt einflößte, wenn  er so im Garten saß und die Nachbarkatze „Möhre“ in Schach hielt. Hannibal lebte sich ein und nach wenigen Tagen war er zu Hause angekommen. Bis zu jenem Samstag, an den mich am späten Abend ein wütendes, infernalisches Schlagen und Kratzen an den heruntergelassenen Rollläden der Balkontür vom Sofa erwachen ließ. Erst dachte ich an einen tollwütigen Fuchs, der, mittels Vollmeise, Einlass verlange. Das lautstarke Theater nahm jedoch nicht ab. Irgendwann zerrte ich die Rollläden (mit 3 L nach der neuen Rechtschreibung – grässlich) einen Meter hoch, um zu sehen, was für ein verblödetes Tier mitten in der Nacht unsere Rollläden zerfleischte. Es war Max. Kurzzeitig dachte ich über einen Eintritt in die katholische Kirche nach, aber der Sauerstoff kehrte rechtzeitig in mein Hirn zurück. So viel hatte ich auch nicht getrunken, daher öffnete ich entgeistert die Tür und ließ ihn herein. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, rannte er mit maulenden Geräuschen (die er bis heute noch optimiert hat) an mir vorbei und stürzte sich auf seine Futternäpfe. Auch ohne zu atmen wanderte alles in seine Hals und während ich so an ihm herunter sah, fiel mir auf, dass er mager war und seine Pfoten bluteten. Er war, wie ich später herausfand, über eine Woche in einer Gartenlaube eingesperrt. Die Besitzer kamen nur am Wochenende und Max wollte sich wohl mal das Interieur ansehen, bevor die Tür zuschlug. Dann  hatte er versucht, die Tür aufzukratzen. Die Katze, die ich würdevoll begraben hatte, war nur zufällig farblich wie Max ausgestattet und hat sich bestimmt trotzdem über so viel Anteilnahme gefreut. Max war irgendwann  satt und steuerte reflexartig seine Kuscheldecke auf dem Sofa an. Dort allerding lag Platzhirsch Hannibal. Es bedurfte einiger Wochen Reviergehabe, bis man sich arrangierte und irgendwann sogar gemeinsam Kater Möhre aus dem Garten vertrieb.  Das ist nun fast 10 Jahre her und Max hält sich wacker. Ich hoffe, dass er noch lange Unfug treibt aber so einen Abend wie damals brauche ich kein zweites Mal.

Verfasst von: markolange | 27. Juli 2014

AD BLUE – Anreise mit Hindernissen

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Ad Blue

Weiß jeder, was Add Blue ist? Kurz erklärt, ein von hoffentlich glücklichen Tieren erpresster Harnstoff, der in hochmodernen Dieselfahrzeugen wie z.B. VW irgendwie mitverbrannt wird, damit der Motor wenig verbraucht oder so. Nüchtern betrachtet verbraucht mein hochmoderner Sharan mehr als mein 1,8 Liter 90 PS Vectra A (Benziner) von 1990, mit dem ich damals voll beladen nach Norwegen gefahren bin. Aber was soll´s. Modern geht halt nur noch kompliziert, teuer und wartungsintensiv. Da starte ich also froh gelaunt in den wohlverdienten Urlaub und auf eine recht lange Reise. Nach 100 km kommt eine Warnleuchte. „Add Blue auffüllen. Restfahrstrecke 2500 km!“ Mist. Die Anzeige der Restfahrstrecke kommt leider nur, wenn es langsam zu wenig wird. Vorher kann man es nicht erkennen. Aber 2500 km sind genug. Da kann ich in Ruhe auf Aland in ein VW Autohaus und die Brühe auffüllen lassen. Wir fahren weiter. Ich hatte zwischen zeitlich in meinem BEK Autohaus des Vertrauens angerufen und gefragt, ob das irgendwie schlimm wäre, wenn ich das nicht pünktlich auffülle. GAAANZ schlimm! Aber es gibt ja auch in Finnland Vertragswerkstätten. OK. Verstanden. Nach 200 km sagt mein Display, dass ich nur noch 2000 km fahren könne. Hä? 200 km gefahren und 500 verbraucht? Was ist das denn für´n Mist. Jetzt geht die Rechnerei los. Bis zur 2. Fähre oberhalb Stockholm sind es noch ca. 1000 km. Wenn das Display jetzt so weiterrechnet, komm ich kaum bis zur Fähre. Laut BEK Autohaus bleibe ich dann irgendwann stehen. Plan B. Ich brauche eine Werkstatt in Malmö. VW Vertragswerkstatt!! Die ist schnell gefunden. Zur Sicherheit rufe ich nochmal im BEK an und Frage, ob das in Ordnung ist. Guter Kunde! Geht schön ins Autohaus und hat möglichst wenig Ahnung. Wir kommen in Malmö früh halb 8 an. Das Autohaus hat geschlossen. Es ist Samstag und heute kommt auch keiner mehr in der Werkstatt. Ich rufe wieder im BEK an. Dort sagt man mir neben den Grunzlauten „UHHH“  und AHHH“,  ich möge meine Telefonnummer an eine Handynummer eines Kollegen simsen. Der ruft mich dann zurück und kann mir auch ne Notrufnummer nennen. Auf den Anruf warte ich heute noch! Ich versuche verschiedene Nummern. Es ist halt noch vor halb 9.  Zwischenzeitlich habe ich mir nach etlichen, auch ergebnislosen Telefonaten von einer mittlerweile an der Rezeption in Gera stehenden Dame, eine Notrufnummer selbst organisiert. Einer der letzten Mitarbeiter vor der Rezeptionsdame war so serviceorientiert, dass er mich darauf hinwies, dass ich die Nummer sicher in meinem Serviceheft stehen hätte. Nach einer kurzen Schnappatmung erklärte ich ihm Folgendes: „Da ich davon ausgegangen bin, dass ich während meins Urlaubs im Ausland keine Durchsicht machen werde, wohnt mein Serviceheft irgendwo unter ca. 1 Tonne fein geschichteten Gepäcks im Kofferraum und bleibt da auch. Sonst würde ich Sie wohl kaum vom Ausland anrufen, wenn´s  nicht nötig wäre!“ Zurück zum Notruf von VW. Nach vielen Tastenmöglichkeiten, die man für alle möglichen Dinge drücken kann, brülle ich nach einiger Zeit genervt „PANNE“ ins Handy. Es meldet sich die Imitation einer Fachkraft. Nachdem ich Ihr gesagt habe, dass ich in Malmö vor dem VW Autohaus stehe und Add Blue brauche und zwar dringend und schnell, weil ich noch 750 km zur Fähre muss, fragt Sie als nächstes, in welchem Land Malmö läge. OK. Jetzt haben wir ne intellektuelle Basis. Sie sagt, es gäbe in Malmö 3 VW Partner und betet die Adressen nebst Postleitzahlen runter, die mir grade total wichtig sind. Als ich frage, ob die denn geöffnet haben, kommt ein NEIN. Sie hätte aber noch eine, die offen hat. Ist aber ein wenig entfernt. „Wie weit entfernt?“ frage ich vorsichtig. „Na so 30km in Skurup.“  „Meinetwegen, dann her mit der Adresse.“ Sie beginnt wieder mit der Postleitzahl. „Ich will die Straaaaaße Hergott! Kommen Sie doch mal zum Punkt!“ Dann hatte ich die Adresse für´s Navi. „Und die haben offen?“ frage ich sicherheitshalber. „Ja, von 9-13 Uhr.“ Die Add Blue Anzeige sagte mittlerweile noch 1400 km, also bis zur Fähre wird es definitiv nix mehr. Nach einem extra Umweg kommen wir nun also nach Skurup zum VW-Autohaus. Die Tür ist offen. Was für ein Glück! Ich renne hinein und nachdem mir der Verkäufer erklärt hat, dass heute die Werkstatt zu ist und alle Mechaniker in Urlaub sind, suche ich gedanklich schon nach einem Motel für zwei Tage. Der Verkäufer  in Skurup telefoniert wie wild und teilt mir dann freudestrahlend mit, dass ich das Zeug an der PREEM Tankstelle im Ort kaufen kann. Ich schau ihn an wie ein Schaaf und frage, ob ich das selbst machen kann. Bislang hat man mir immer gesagt, ich muss das im Autohaus machen lassen. Und zwar mit entsprechender Rechnung!! Mit Termin und ich kann mein Auto in ein paar Stunden wieder abholen und so. Gaaaaanz kompliziert!!! Nein, das kann ich selbst machen. Und wo ist der Einfüllstutzen? Er zeigt auf den bis unters Dach gefüllten Kofferraum. Och nööö!  Er grinst und nickt. Und was ist mit dem Display? Muss das nicht resettet werden oder so? Das weiß er nicht. Mhhmm. Nicht so gut. Aber egal, Hauptsache erst mal vollmachen. Wir fahren zur PREEM Tankstelle. Sie ist geschlossen. In Gedanken stelle ich mir schon vor, was ich gleich mit dem VW Mitarbeiter in Skurup machen werde, da sehe ich hinter der Tankstelle eine Zapfanlage in Weißblau mit der Aufschrift „Add Blue“.  Zahlbar mit Kreditkarte!!! So einfach kann die Welt sein. Jedenfalls hier oben. Ran an die Säule. Ich beräume widerwillig ein Drittel des Kofferraumes und finde ganz unten eine bislang nicht wahrgenommene, kleine Klappe. Auch bei der Übergabe meines damals Neuwagens kam die Klappe nicht vor! Interessant! Man soll entweder mit einem Spezial-Einfüllstutzen oder den zu kaufenden Flaschen befüllen. Beides hab ich nicht. Ich versuche es trotzdem. Nach 2,5 Liter suppt es heraus. Mist. Ich brauch aber mindestens 10 Liter. Was tun? Es ist ohnehin eng, da ich die dritte Sitzreihe wegen des Gepäcks nicht hochklappen kann. Ich müsste sonst ALLES ausräumen. Niemals!  Die Lösung ist die Hohes-C Sporttrinkflasche!  Einfach in der Mitte durchschneiden, den Sporttrinkverschluss aufmachen, ein wenig quetschen und zum Spezial-Add-Blue-Einfüllstutzen umfunktionieren. Der DDR Bürger kann das!  Es läuft. Zwischenzeitlich hatte ich endlich Kompetenz am Hörer. Der Werkstattmeister des BEK bestätigt mir, dass ich das selbst auffüllen kann. Ich frage säuerlich, weshalb ich dann eigentlich immer in die Werkstatt kommen soll und weshalb mir das weder die Werkstatt noch der sogenannte Notdienst nicht sagt. Ich hätte dann in Malmö an die nächste Tanke fahren können und mir 60 km und zwei Stunden sparen können. Ich war mittlerweile stinksauer. Für die 11 Liter Harnbrühe zahle ich irgendwas um die 12 EUR. Ich werde zu Hause dann mal kritisch die letzten Rechnungen zu dem Thema aus der Werkstatt untersuchen, denn wie ich hocherfreut feststellen durfte, stellt sich der Bordcomputer selbständig zurück und der Warnhinweis verschwindet. Es ist kein Fachpersonal oder gar irgendeine Software der Werkstatt nötig. Nachdem alles vorbei war und wir mit 3 Stunden Verspätung endlich wieder auf dem Highway to Stockholm waren, meldete sich dann auch endlich mal der VW Notruf nochmal. Der wollte ja auch in der Werkstatt anrufen, damit mir geholfen wird. Hat er nicht. Nun will er wissen, ob mir denn geholfen wurde und wird zeitlich passend zum Druckventil für zufriedene VW Kunden. Nicht beleidigend, aber sehr deutlich. Es gab ein gutes und wohliges Gefühl, nach so einer Tortur mal ein unterwürfiges „Entschuldigung“ oder „Das kann ich mir gar nicht erklären“ zu hören. Vielleicht hätte ich es lassen sollen, denn 100 km weiter kam der Reifensensor. Ich persönlich glaube ja, dass VW irgendwo in einer Zentrale bei Kunden, die sich beschwert haben, mittels GPS Fahrzeugfehler auslösen können. Alle 4 Reifen hatte ca. 0,4 bar weniger als vorher. Nach dem Aufpumpen war alles wieder OK. Die Fähre haben wir bekommen, aber mein nächstes Auto wird VIEEEEL weniger elektronischen Schnickschnack an Bord haben. Ganz sicher. SKOL!

Verfasst von: markolange | 4. März 2014

Übersprungshandlungen

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Übersprungshandlungen

Der Eine oder Andere wird spontan mit dem Begriff nichts rechtes anfangen können. Ich versuche mal ne Erklärung im Tierreich. Wenn ich meinem Kater auf den Geist gehe, er schlechte Laune hat oder mit sich grade nichts anzufangen weiß, bemerkt man das an einer Verhaltensweise mit der er offenkundig Zeit zu überbrücken versucht oder seine Unschlüssigkeit überspielt. Er fängt spontan und völlig übertrieben an, sich an einer komplett sinnfreien Stelle, die mitnichten unsauber war, zu putzen. Wie ein Gestörter! Das macht er immer so. Hab ich auch schon bei Hunden gesehen. Nun haben Tiere aufgrund Ihres im Vergleich zu den meisten Landesteilen niedrigeren IQ´s, wesentlich weniger Möglichkeiten festzustellen, dass Sie grade mit sich nichts Sinnvolles anzufangen wissen, geschweige denn, Peinlichkeit oder Verlegenheit zu empfinden. Was macht also der Mensch? Auch hier muss man einfach nur die Augen offenhalten und genießen. Der Klassiker schlechthin ist die Zigarette an der Haltestelle. Wer auf ein Verkehrsmittel seiner Wahl wartet und mit sich, seinen Händen, fehlendem Selbstbewusstsein oder dem peinlichen Empfinden, dass einen alle ja nur  anstarren, nicht umgehen kann, raucht einfach eine. Man hat was zu tun, empfindet sich als cool, kann anderen Feuer geben und muss nicht viel reden. Zudem ist die Vernebelung in militärischen Kreisen seit jeher ein probates Mittel um unterzutauchen. Allerdings wird diese Form der Verlegenheitsüberbrückung immer schwieriger, da Rauchverbote allerorts Einzug halten.   Auch sehr beliebt ist Nagelkauen. Nach dem Krieg, als wir nichts hatten , waren die Beweggründe sicher andere, aber heute ist das ein eindeutiges Zeichen für Aufregung, nervliche Anspannung oder mangelndem  Rückgrat. Phasenweise ist das durchaus nachvollziehbar. Da gibt es immer Proben, vor die man gestellt wird und die die ganze Persönlichkeit verlangen. Spannend wird es nur dann, wenn daraus feste Gewohnheiten werden. Und die kann man immer wieder schön beobachten.

Der Zaunkönig:

Vornehmlich beobachtet bei Männern im mindestens besten Alter, ist diese Form der Verlegenheitshandlung sehr verbreitet. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit, in der der Zaunkönig nichts zu tun hat oder die Situation als latent peinlich empfindet, pfeift er. Er pfeift wirr, melodielos, im Sitzen, Stehen oder beim Gehen. Bei welchen anderen Gelegenheiten er noch pfeift, bei denen es nicht recht vorwärtsgehen will, möchte ich gar nicht wissen. Und er hört auch nicht auf, so lange jemand in seiner Nähe ist, dem er durch sein unmelodisches Konzert unbeholfen zu verstehen geben möchte, dass ER Herr der Lage und ansonsten alles in Ordnung ist. Klammer auf „Mir ist die Situation unangenehm und ich hoffe, sie geht bald vorbei. Klammer zu. Getoppt wird das dann noch in Kombination mit Wippen und Faust ballen. Ältere Ehemänner, die vor dem Fleischerfachgeschäft zur Vermeidung guter Ratschläge von Ihren Erziehungsberechtigten abgestellt werden, sind davon oft betroffen. In dem Moment, wo man sich danebenstellt und genüsslich mit dem Kopf zum Gruße nickt, geht beim Zaunkönig der Alarm an. Jetzt weiß er, dass ich weiß, dass er vor die Tür gestellt wurde, nichts zu tun hat und auch sonst zu Hause nur die B-Note vergibt. In Ermangelung einer Aufgabe und damit persönlicher Wichtigkeit, beginnt er nicht nur zu pfeifen, sondern auch abrollend von Ferse nach Fußspitze zu wippen und, sofern er nicht raucht, die Hände schnappartig zur Faust zu ballen. Wer den Film „Das Leben des Brian“ am besten mehrfach gesehen hat, kennt die Szene, als die Menschenmenge  Ihrem Heiland Brian nachlief und wahlweise eine Sandale oder eine Flasche hochhielt und am Ende blieb einer übrig, der genau dieses Problem hat. Super Szene. Nach einigen Jahren tut der Zaunkönig das übrigens auch nicht mehr bewusst, sondern genauso beiläufig wie Luft holen oder Räuspern. Es sei denn, jemand bringt den Mut auf, ihm das zu sagen, denn für Zuhörer hat das mit Kunst und Genuss wenig zu tun. Hat man einen Zaunkönig ständig in seiner Nähe, muss man irgendeine aggressionsfreie Art finden, damit umzugehen. Leicht ist das allerdings nicht und auf offenherziges Verständnis sollte man besser nicht hoffen.

Der Nestler

Diese Spezies ist alters- und geschlechtsübergreifend. Alles was sich bietet, wird zur Überbrückung von nicht kontrollierbaren Situationen hergenommen. Bärte, Ohren, Nasen, Haare, Lippen, Krawatten und auch unangenehmerweise Körperregionen, die mittels Handeinschub in die Hosentasche des bequem geschnittenen Anzuges zu erreichen waren. Letzteres musste ich gegenüber einem früheren, unsympathischen Vorgesetzten häufiger standhaft ertragen. Kein Scherz! Auch Gegenstände sind sehr beliebt. Neben dem Klassiker Kugelschreiber gibt es alles, was das Büro bietet. Mir selbst wurde das mal bewusst, als ich in einem früheren Leben ein Seminar mit Videotraining genießen durfte. (Für die Jüngeren. Video ist sowas wie ne Blue Ray, aufgewickelt auf ein Magnetband und in eine viereckige Brotbüchse gepresst. Da gab´s mal Abspielgeräte dafür. ) Na jedenfalls wurde mir mein damals stolz getragener Oberlippenbart zum Verhängnis, den ich wohl mit wissendem Blick recht häufig beidseitig zwirbelte. Er kam dann zeitnah nach dem Seminar ab. Die Kritik war berechtigt. Die 90-er halt.

Der Beißer

Dieser ewig Hungrige kompensiert seine inneren Kämpfe mit Zerbeißen von Dingen. In der Schule hatte ich mehrere Mitschüler, die sich nicht selten von Bleistiften, Radiergummis und Füllfederhaltern tagelang ernährt haben. Das zieht sich dann bis ins Berufsleben, wenn man den Leuten die Gerätschaften nicht einfach mal aus der Hand nimmt. Obwohl, dann geht´s an die Fingernägel oder noch schlimmer, die Lippeninnenseiten. Es sieht zum Schießen blöd aus, wenn einem jemand gegenüber sitzt, der permanent unter Aufbietung aller zur Verfügung stehenden Gesichtsmuskeln versucht, mit seinen Schneidezähnen ein Stück seiner Lippen abzubeißen. Das Gesicht zieht sich nach rechts und links, die Nase biegt sich teils synchron mit und nicht selten vergisst der Beißer zu antworten, weil er so konzentriert auf das letzte noch nicht abgenagte Stückchen  Innenlippe schräg unterhalb des Eckzahnes ist. Dieses Schauspiel mit Höflichkeit und ohne ausbrechende Heiterkeit zu überspielen, ist körperlich anstrengend und man wünscht sich eine Helmkamera.

Neben diesen drei exemplarischen Fällen, gibt es natürlich Schminkspielegel, Haarezurechtraufen, Figuren mit der Fußspitze in den Dreck malen und natürlich ganz modern, Kapuze mit mp3-Player und Pokerface. Da wird jedem noch irgendein Beispiel einfallen, dass er oder Sie mal wahrgenommen hat. Irgendwann aber, wird nur noch ein Mensch an der Haltestelle auffallen. Der, der nicht spielt, Musik hört oder wippt. Der, der einfach seine Umwelt wahrnimmt und freundlich, offen und selbstbewusst schaut. Und es werden bestimmt auch wieder mehr.

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