Verfasst von: markolange | 14. November 2017

Lebensabschnittsgerüche

Mann mit Gasmaske vor einem Teller mit Käse unter Käseglocke

Düfte können so viel auslösen.  Appetit, Balz, Fluchtgedanken, Ohnmacht und natürlich Erinnerungen. Schon mal gemerkt, dass man bestimmte Abschnitte seines Lebens an Gerüchen oder Düften wiedererkennt oder sie zumindest mit ihnen verbindet? Ging mir jetzt mal wieder so. Da kam ich in einen alten Plattenbau, dessen letzte Renovierung vermutlich noch mit Forumschecks schwarz bezahlt wurde. Und da war er auf einmal. Der Duft nach Kindergarten.

Kindergarten

Dieser komische, leicht muffige Geruch nach Linoleumboden mit Bohnerwachs und guten alten Benzol- oder Plaste-und Elaste Dämpfen. Dazu oft noch diese grünen sägespanartigen Bohnerwachskrümel, die so herrlich die Nebenhöhlen frei gemacht haben., wenn sie von der Tante in Kittelschürze erst hin, dann her und dann weggekehrt wurden. Einen Hauch Aroma haben sicher auch die Sprellackartschränke (Hoffentlich scheibt man das so. Der Duden kennt das ja nicht.) abgegeben.  Der Duft geht nicht wieder aus dem Kopf und ist einzigartig. Diese freudige Erinnerung hat der Herr Pawlow erfunden oder besser herausgefunden. Dieses Experiment mit dem Schäferhund und der Lampe, als das arme Tier zum Schluss immer Appetit hatte und die Sabber lief,  wenn die Lampe anging. Bei mir ist das mit dem Duft von Milchreis und dem Brechreiz so, aber das gehört jetzt nicht hierher. Jedenfalls ist das ein Duft, der mir unabhängig von meinem persönlichen Kindergarten schon in vielen derartigen Einrichtungen über den Weg lief und damit ist er für mich ein Lebensabschnittsgeruch. Bitte nicht mit LAG abkürzen. Das Kürzel ist schon vergeben und was dabei herauskommen kann, wenn die Freundin irgendwo auf dem Skript liest:“ LAG riecht fürchterlich.“ kann sich jeder vorstellen.

Reichsbahnabteile

 Wer vor der D-Mark Fusion viel Zug gefahren ist, wie ich, weiß, was ich meine. Die Zugabteile in der 2.Klasse waren von einer stillen, lange Jahre gewachsenen Schönheit. Die von den Körperflüssigkeiten von Generationen getränkten Sitzmöbel in Komposition mit Kunstleder, dem Duft des Reichsbahnmülleimers sowie Aschenbechers aus Aluguss zum Abklappen unter dem Minitisch und einer Komposition aus Reinigungsmitteln und warmem Staub, waren eine feste Konstante bei allen Reisen. Dazu kamen der Geruch von Metall, Dampf, Schmieröl und dem Toilettenabteil von draußen. Fahren für echte Kerle. Interzonenzüge rochen komplett anders. Wir waren ja manchmal eine Strecke mitgefahren, wenn es denn der Fahrplan ergab. Ein wenig wie Intershop to go.  Und man konnte das Fenster noch öffnen. Das war schön. Das war richtiges Bahnfahren. Ich muss nicht mit 300km/h in 45 Grad Schräglage für das Doppelte der PKW-Kosten nach Berlin brettern, permanent eine Brechtüte in der Hand haben und darauf hoffen, dass Heizung oder Klimaanlage je nach Saison bitte funktionieren. So ein wenig Transsibirische Eisenbahn würde unseren durchgestylten Blechwürsten gut tun. Und Freude machen!

Geld

 Geld stinkt. Wer was anderes behauptet, hat noch nie welches in unendlichen Mengen gesehen, geschweige denn, darin wie Dagobert Duck gebadet. Mir war dieses zweifelhafte Glück zuteil geworden. Nach der Ausbildung in der Staatsbank der DDR, durfte ich in dieser Institution die Kehre oder meinetwegen Wende miterleben und teilweise mit erleiden. Als Kassierer einer Sortenkasse, d.h., auch mit vielen Währungen des Nichtsozialistischen Wirtschaftssystems, war mir der Umgang mit den verschiedensten Währungen vertraut. Mongolische Tugriki etwa, die sich, gedruckt vor etwa 40 Jahren, wie eine 100 Meilen unterm Sattel des Steppenpferdes geparkte und mehrfach gewaschene Tageszeitung anfühlten. Auch der russische Rubel oder die bulgarischen Lewa, waren von nicht besserer Konsistenz und verströmten teils Kompositionen, die man heute vermutlich unter dem Label Febreeze Knoblauch/Turnbeutel anpreisen würde. Ach und die Sache mit dem Baden in Geld lief so. Als die DDR Mark abgeschafft wurde stand die erst mal in Säcken wie im Geldspeicher im Tresorraum der Bank und wartete auf Ihre Vernichtung. So einen historischen Moment darf man sich nicht entgehen lassen. Also zwei Mann ein Gedanke und mit nem Kollegen mit Anlauf und Bauchklatscher in die Herrlichkeit des Geldes. Muss man mal gemacht haben.

Intershop

 Wenn es vor der Kehre den Intershopduft als Deo spray gegeben hätte, wäre es vermutlich ein Verkaufsschlager geworden. Ich hätte es gekauft. Und vermutlich hätte ich statt der blöden Kokosnussduftbäume jeden Tag einen Kubikmeter Intershopduft in mein erstes Westauto gepumpt. Seit dem die Intershops wegdiscountiert wurden, suche ich nach diesem Duft oder einem Geschmack, den ich am ehesten mit Diesem in Verbindung bringe. Neulich hab ich´s für mich gefunden. TIC TAC und Eiskonfekt. Natürlich jeweils getrennt voneinander. Besonders TIC TAC war ja seinerzeit für 50 Pfennig Forumschecks zu haben und somit einer der beliebtesten kleinen Einkäufe im „Shop“, so man denn mal wieder etwas Westgeld ergattert hatte. Und Eiskonfekt sowieso. Gab´s nicht mal als Attrappe von Zetti. Lecker. Ich fahnde weiter und ich bin sicher, irgendwann und irgendwo bekomme ich die anderen Bestandteile auch noch zusammen. Es soll mittlerweile schon Pflegeprodukte in sogenannten OST-Shops geben, die den Duft nachahmen. Weltkulturerbe!

Westautoabgase

 Was war das für ein Gestank nach Zweitaktabgasen. Damals hat man es nur nicht so genau wahrgenommen. Für einen Jugendlichen war es der Duft der großen, weiten Welt. Und wenn mal wieder Westbesuch kam, dann roch man das, wenn Sie in die Einfahrt einbogen. Russensprit roch man auch, wenn wieder ein LKW der Roten Armee vorbeigefahren kam. Allerdings komplett anders. Er war rot und stank grässlich. Westautos hatten einen gefühlt angenehmen Duft. Pawlowsches Riechen! Ab da konnte ich Raucher verstehen. Ein Raucher rauchte nicht den bissigen Qualm sondern war von da an der Marlboro Mann. Er saß nicht im Regen vor der Haustür sondern am Lagerfeuer in der Prärie. Zurück zum Thema. Ein Atemzug Opel Rekord und die Schlagersüßtafel schmeckte gleich viel besser. Das uferte dann dahin aus, dass wir 15 km mit dem Fahrrad ans Hermsdorfer Kreuz gefahren sind und Westautos angeschaut haben. Leere Westgetränkedosen waren außerdem der Sammlerhit!  Ab und zu bekam man sogar was von den rastenden Kapitalisten geschenkt. Man durfte sich nur nicht erwischen lassen.  Das mit der Kontaktpflege war jetzt nicht so gern gesehen bei der Staatsmacht. Da sind ganze Nachmittage draufgegangen. Spannend!  Und irgendwie war es auch das erste, was mir bei meinem allerersten Westauto, einem für mich damals unvorstellbar großen Ford Sierra 2,0 Fließheck, aufgefallen war. Er roch nach Westen. Und zwar innen und außen. Verrückt. Das hab ich bestimmt ordentlich mitbezahlt.

Fahrenheit

Nach der Kehre galt es ja, sich dem Schönheitsideal des Westens anzupassen. Wie singt die Erste Allgemeine Verunsicherung in Ihrem Song „Der Märchenprinz“ -„Zu viel Jäger sind – der Hasen tot.“  Also waren die chemischen Körperdüfte der in die Ostverbannung geschickten Vorzeigewessis das Maß der Dinge, um während der Balz wahrgenommen zu werden. Wie wir heute wissen, eher partiell eine Katastrophe. Bestes Beispiel dafür ist ein Duft, der möglichst noch in einer nachgemachten Billigversion literweise auf das goldkettchenbehangene Brusthaartoupet aufgeschwemmt wurde. Fahrenheit! Nennen wir die Fährte, die man in jedem Tanztee hinter sich herzog mindestens einmal markant. Nüchtern betrachtet verströmte man den Duft eines Sackes destillierten Rindenmulches. Was ich dem Zeug damals abgewinnen konnte, frag ich mich heute noch. Es war in.  Wie so vieles, über das man heute den Mantel des Schweigens legt. Der Duft wird allerdings  heute noch verkauft. Und sicher schlagen viele Damen deswegen  die Hände über dem Kopf zusammen.

Erster Besuch im Westen – Kaminholzduft

Der Ostthüringer an sich, hatte vor der Übernahme 1990 und auch noch lange danach eine gegerbte Nase. Zwei Hauptgerüche herrschten in den Straßen vor. Zweitaktabgas und Brikettheizungsqualm. Das war der Normalzustand. Nicht schön, aber man kannte es nicht anders. Dann fiel der Schlagbaum und wir in die Zonenrandgebiete ein. Ich hab das damals nicht gleich gemacht. Mir war es einfach zu blöd, in Hof an der Sparkasse anzustehen und dann den ALDI zu plündern. Noch dazu in einer endlosen Pappkarawane mit Zweitaktmotor. Außerdem wusste ich nicht, womit ich fahren sollte. Mit der 250-er TS? Never! Also erwarb ich als Erstes in Ruhe meinen Sierra und fuhr nach Schleswig Holstein. Jahrelang dufte ich nur bis ins Sperrgebiet zu meinem Schulfreund nach Testorf am Schaalsee fahren. Jedenfalls sofern ich wochenlang vorher meinen Passierschein beantragt und erhalten hatte. Nun ging es über´s alte Minenfeld nach Mölln und Ratzeburg. Ich stieg aus dem Auto aus und atmete tief ein. Es roch lecker und teuer nach verbranntem Birkenholz. Angenehm und mild. Als hätte diesem Landstrich noch nie ein Brikett konterminiert. Wunderbar. Und der Geruch, der weht nun mild über meinem Haus. Logisch.

Und so gibt es unendlich viele Gerüche, die man zuordnet, mag oder nicht mag, die aber in jedem Fall Bilder auslösen, die man nicht vergisst. Oft, obwohl man vergessen will. Aber dafür gibt es Therapeuten oder Getränke.

 

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