Verfasst von: markolange | 16. September 2016

Unterhosen-Selfie

Damals. Nicht vor dem Krieg aber damals. Als ein Telefon noch Wählscheiben und ein nach Toilette riechendes kleines Glashaus drum herum hatte, das man Zelle nannte. Als in der 7. Klasse eine SMS von einer Bankreihe in die andere noch mit Bleistift auf Löschpapier geschrieben und vom Provider (Bankbachbarn) durch diskrete Weiterleitung per Hand zum Empfänger befördert wurde. Natürlich war die Nachricht nur für einen Empfänger gedacht. Wie sollte man auch auf einem 10 Mal gefalteten Zettel von der Größe einer Erbse vermerken, dass ein Sack voll Leute mitlesen durften. Die Whatts-App Gruppe war noch nicht erfunden. Und las es doch mal jemand, der es nicht sollte, nahm man den Zettel weg und verpasste ihm ne Kopfnuss und gut war es. Die Nachrichtenkette war einigermaßen unterbrochen und nach einem Tag vergessen. Keine Spuren! Besonders hohe Alarmbereitschaft galt, wenn es um den Austausch von Intimitäten, Tratsch, wer mit wen angeblich gehen könnte oder körperliche Vor-oder Nachteile von Mitschülerinnen ging. Gelangte so was in die falschen Hände, musste man allerdings erst mal den Verfasser der Papiererbse finden. Auch nicht immer einfach. Heute ist das anders. Und in dem Wissen, wie es in der guten alten Offlinezeit der 1980-er war, gelangte mir durch ein schulpflichtiges Mitglied der Familie die Nachricht zu Ohren, dass ein Mitschüler grad etwas für’s Leben gelernt hat oder noch lernen wird. In dem Wahn, alles und jedes mit irgendwem elektronisch teilen zu müssen, kam ein pubertär motivierter 13-jähriger auf die nette Idee, sein in seinen Augen fotogenes Gemächt abzulichten und einer, wie er dachte, begrenzten Anzahl von Empfängern senden zu müssen. Per soziale Netzwerke. Warum machen Menschen sowas? Prahlerei? Wohl kaum. Eine Aktion, die dem jungen Mann sicher noch viel Freude bereiten wird. Was werden die Empfänger wohl gedacht haben? Was hat er getrunken? Oh Shrimps? Nein. Erster Gedanke war: So ein Idiot, das teilen wir mal weiter. Nun ging die elektronische Papiererbse also in der halben Schule rum, wie ein Schlüpfer beim Sommerschlußverkauf. Es wurde begutachtet, gelästert, weitergeteilt. Mittlerweile schwante dem Absender das Ausmaß und er blieb der Schule fern. Wohl ob der Vorfreude auf den ersten Gang über den Schulhof und die Gesten der Mädchen, die verschiede Abstände mit Daumen und Zeigefinger andeuteten oder nur in Gruppen kicherten. Wenn es in der Schulküche Roster, Bockwurst oder Eier gab, sollte er künftig den Speisesaal besser nicht mehr betreten und auswärts essen. Vor allem hat er aber mit dieser offenherzigen Aktion nicht viel weiter in die Zukunft gedacht. Es gibt sicher Berufsbilder, bei denen das Vorzeigen gut ausgebildeter Körperteile hilfreich für eine erfolgreiche Bewerbung ist. In diesem Fall würde es die Auswahl der Berufsbilder und Branchen jedoch sehr einschränken. Auch Studium oder Verbeamtung wären wohl, zumindest offiziell, fraglich. Jeder halbwegs pfiffige Personalchef wird bei Bewerbern mal einen Blick ins Internet wagen, um zu sehen, was der gebügelte und top frisierte junge Mensch denn sonst so alles im Leben schon zu Wege gebracht hat. Nicht hilfreich ist hier der Anblick eines pubertären Schniedels per Handykamera. Und da die Netzwerke immer Daten austauschen, glaubt man gar nicht, wo da so alles zu Tage tritt. Also. Regel Nr. 1. Das Gemächt begutachtet der Urologe und niemand sonst. Alles andere passiert offline. Regel Nr. 2 Und wer unbedingt alles raushängen lassen muss, geht FKK oder sucht sich jemanden, der willig mitmacht. In jedem Fall sind der Schulhof und Facebook keine gute Idee, wenn man nicht mit rotem Kopf dem Wohnort wechseln will. Aber einen guten Effekt hatte das Ganze wohl schon. Nach so einer Sache werden wohl alle in der Schule etwas mehr auf sich selbst, Ihre Unterhose und Papiererbsen achten.

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