Verfasst von: markolange | 18. Dezember 2015

2115 – Eine Kreuzfahrt

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2115 – Helmstedt-Hyvinkää- Eine Kreuzfahrt

 

Ein frischer Morgen am Rande der Kleinstadt Gera im Bundesland „Neuvorpommern“ beginnt. Es ist der 01.08.2115. In den einzigen beiden Gesamtschulen der Stadt starten heute die Sommerferien.  Per, Tilde  sowie ihr Sohn Johan haben heute Großes vor. Eine Kreuzfahrt. Schon lange spukte der Plan in Ihren Köpfen herum und es gab viel Für und Wider. „Das ist ja nur was für Rentner“, “ Das ist ja so teuer“, „Da langweilt man sich schon nach einigen  Tagen“ waren die häufigsten Einwände. Allerdings stammten die auch meist von den Menschen, die selbst nicht den Antrieb hatten, sowas mal auf die Beine zu stellen oder schlicht neidisch waren. Die Preise für Kreuzfahrten waren außerdem in den letzten dreißig Jahren drastisch gefallen. Wie alles, was in großer Zahl angeboten wird, verbilligte es sich. Dazu kamen die neuen, innovativen und günstigen Antriebe der Ozeandampfer mit Brennstoffzellen, Raupenantrieben und vollautomatischen Segeln, die die Industrie so um 2060 wie von Zauberhand auf den Markt geworfen hatte, als das Öl nun wirklich auszutrocknen begann und dort kein Geld mehr zu verdienen war. Bestimmt war ein Drittel der dreißigtausend Einwohner Geras schon mal in See gestochen. Bei einem Anteil von 61 % an Bewohnern über 65 Jahren, war das aber ganz normal. Die Quote war im Vergleich zu benachbarten Städten in der Region (Zeitz 71 %, Altenburg 73 % ) noch ganz OK. Dem Uranbergbau sei Dank. Nun also sollte heute eine ganz besondere Reise starten. Die Tour zu Ihren Vorfahren. Eigentlich stammten weder Per noch Tilde aus Gera. Nicht einmal aus dem ehemaligen Thüringen. Der Großvater von Per hieß Tom Henning und war Kriminalbeamter in Berlin. Bei ein paar gemeinsamen länderübergreifenden Fällen hatte er damals seine Frau Agnes Jensen in Dänemark kennengelernt. Als sich im Laufe des letzten Jahrhunderts aber anbahnte, dass Dänemark auf lange Sicht zu flach für die Geschichte des Klimas sein würde, planten Sie Ihren nun nicht gerade beruflichen, aber doch geografischen Aufstieg. Und landeten in Gera. Die Reise, die Ihre Enkel nun also antreten wollten, ging nach Norden. Nach Wegfall oder besser Untergang aller wesentlichen  nördlichen Metropolen, kristallisierte sich aufgrund ihrer Lage die Stadt Helmstedt als neue Küstenmetropole Deutschlands heraus. Mittlerweile war sie mit 280.000 Einwohnern die Hauptstadt der Halbinsel Harz und größter Hafen Deutschlands. Alle namhaften Reedereien begannen hier Ihre Kreuzfahrten. Die von Per, Tilde und Johan hieß “ 8 Tage über den alten Metropolen Skandinaviens. “ Die Fahrt ging von Helmstedt Richtung Berliner Halligen mit den berühmten Hochseebrücken und dem neuen Leuchtturm (ehemals Fernseeturm) über den Mecklenburger Bodden Richtung Tauchzentrum Vilnius weiter zum  versunkenen Kopenhagen nach Neu Tallin und zum Schluss und Höhepunkt in die neue finnische Hauptstadt Hyvinkää. Ein ehemals kleines Städtchen nahe des  alten Helsinki gelegen. Aber eben recht nah und vor allem hoch.

Den Hennigs ging es wirtschaftlich gut. Das war einerseits in Anbetracht der gesamtwirtschaftlichen Lage in Deutschland und Europa mit gut 15 % Arbeitslosigkeit nicht selbstverständlich, andererseits aber eine logische Entwicklung. Durch die Fluchtbewegungen der Küstenbewohner der letzten 60 Jahre, wurde das ganze Land umgekrempelt. Allein der Zuzug der Holländer, ließ in ganz Deutschland Dauercampinglätze aus dem Boden schießen, auf denen holländisch quasi Amtssprache war. Jeder, der eine Wiese mit Strom- und Wasseranschluss hatte, bezog auf einfachem Weg ein Zweiteinkommen über Stellplätze. Es gab kein Problem im Miteinander. Sprache, Kultur und Humor waren sich ähnlich und so rückte man zusammen. Nur über Fußball sollte man nach wie vor nicht reden. Die Aufnahme von Thomas Robben, dem Urenkel eines gewissen Arjen Robben in die deutsche Nationalmannschaft, spaltete das Fanlager. Besonders wegen seiner Elfmeterschwäche. Viele waren aber sehr  froh, dass wieder Leben in die Dörfer kam und so hatten auch Hennigs ein paar Bekannte aus dem alten Dänemark, ein paar Holländer und Alt- Mecklenburger aufgenommen. Zu Ihren Gehältern bei der Polizei und einem Bäcker kam also reichlich Stellplatzmiete und Miete für zwei einfache Holzhäuser, die vor 40 Jahren von einem Campingplatz an der Havel gerettet und restauriert worden waren. Außerdem übernahmen die Mieter komplett alles, was rund um das Haus der Hennigs zu tun war. Rasen mähen, Hecke schneiden, Fenster putzen, Winterdienst. So gesehen war der Klimawandel eine saubere Sache. Die noch trockenen deutschen Stammbewohner waren zu Vermietern mit Nebenberuf geworden. Wer hätte das gedacht.

7 Uhr morgens, der Kaffee war getrunken und die drei ließen sich mit Ihrem Elektro-DVW (Dacia hatte so um 2080 VW übernommen) vom holländischen Fahrer zum Bahnhof Gera bringen. Die Fahrt sollte 5 Stunden mit schnellem Umsteigen in Zeitz, Weißenfels und Halberstadt dauern. Die Wege der Bahn hatten sich ja auch verändert. Viele Hauptstraßen mussten des Wassers wegen natürlich komplett verlegt werden, aber dank der chinesischen Baufirmen mit Ihren flexiblen Wanderarbeitern, die bereits seit Inbetriebnahme des Berliner Flughafens und den wenigen Jahren seiner Nutzung zwischen 2065 und 2071 in Deutschland die meisten Großprojekte in wenigen Jahren umgesetzt hatten, war das Bahnnetz schon wieder fast so umfangreich wie vorher. Dass die Deutsche Bahn nun von Emirates feindlich übernommen worden war, hatte sich auf Komfort und Pünktlichkeit eher positiv ausgewirkt. Also trafen die drei pünktlich am Skandinavien Kai in Helmstedt ein. Die AIDA Angela lag am Pier 1 von 10 und es herrschte rege Betriebsamkeit. Hunderte Reisende schoben Ihre wie Mülltonnen ratternden Rollis über den betonierten Boden zum Check In. Viele wurden allerdings auch selbst geschoben. Wie gesagt, die Alterspyramide. Nach dem Begrüßungssekt, dem obligatorischen „Welcome-Foto“ an Bord und der Übergabe von Bordkarten, Armbändchen und Zimmerschlüssel, ging es in die Kabine. Hennigs hatten sich eine Junior-Suite genehmigt. Zwei Zimmer, Bad und Wohnzimmer. Vor allem aber eigener Balkon. Hier konnte man es aushalten und die Reise konnte beginnen.

Tag 1 

Die schöne neue Helmstädter Seebrücke war gut gefüllt, als das Schiff auslief. Es wurde „Junge, komm bald wieder“ und weitere Schnulzen gespielt. Sie war der früheren Seebrücke in Sellin auf der Insel Rügen nachempfunden und ein Besuchermagnet. Es ging auf See. Auf dem Flachbildschirm im Zimmer konnte man den Kurs des Schiffes verfolgen. So wie in der Schule gelehrt wurde, war die Seekarte gestrichelt mit den alten Orten und Wegen unterlegt. Aktuell fuhr man also etwa 100 Meter über Genthin. Seinerzeit ein Städtchen, bekannt für Waschpulver. Schaum war aber nirgendwo zu sehen. Erstes Etappenziel sollte am nächsten Morgen Berlin sein, wobei man schon am Abend dort ankam. Die Hauptstadt hatte viel gegen Ihr Schicksal unternommen. So hatte man die höheren Stadtbezirke befestigt und als Halligen geschützt.  In Ihrer Mitte war der ehemalige Fernsehturm hingegen wasserdicht gemacht und zu einem Leuchtturm mit Besucherrestaurant umgebaut worden. Es gab eine Landungsbrücke und ein Ladenzeile. Verbunden waren die insgesamt 5 Berliner Halligen mit stattlichen Brücken, die die verbliebenen ca. 70.000 Einwohner miteinander verbanden. Die AIDA Angela machte morgens nach dem ersten Frühstück über dem ehemaligen Berliner Tiergarten fest. Es gab festgelegte Plätze für Kreuzfahrtschiffe, da es z.B. nicht günstig gewesen wäre, den Anker auf dem Potsdamer Platz in das Dach des alten Bahntowers zu werfen. Das Angebot, mit dem hauseigenen Helikopter eine Runde über die Halligen zu drehen, schlugen die Hennigs allerdings aus. Keiner von Ihnen war recht schwindelfrei und vom Balkon sah man auch alles recht gut. Im TV lief zudem eine interessante  Reportage über die alte Hauptstadt. Schade drum.

Tag 2  

Das Riff vor Vilnius galt als eines der beliebtesten Tauchgebiete. Es gab für dieses Reiseziel tolle Angebote. Bei gutem Wetter konnte man mit den Tenderbooten rausfahren und Tauchen oder Hochseeangeln. Dank der nun viel wärmeren Temperaturen im Meer, war die Vielfalt der Meeresbewohner natürlich auch größer geworden. Man konnte schon mal einen  Marlin oder einen Barrakuda erwischen. Allerdings musste man wegen der vielen neuen Quallenarten  auf der Hut sein. Jan wollte Angeln, also vergnügte man sich an Bord und durfte sich  zur Belohnung das, was man gefangen hatte, abends auf den Grills an Deck zubereiten lassen. Spät in der Nacht wachte Per auf und bemerkte, dass das ganze Schiff mächtig rollte, wie man so schön sagte. Wetterumschwünge waren häufiger und kurzfristiger geworden. Dabei kam es durch die größere Wassertiefe und die Sturmintensität zu höherem Wellengang. Er schaltete den TV ein und sah über den hauseigenen Kanal, dass sie ihren Kurs verlassen hatten. Unten lief ein rotes „Breaking News“ Band, auf dem der Kapitän wegen des stark verschlechterten Wetters und zur Sicherheit des Schiffes, den Hafen von Utena in Lettland anzulaufen suchte. Dort wolle man das Ende des Sturmes abwarten. Toll, das war´s dann mit Neu-Tallin, dachte sich Per und legte sich wieder hin. Der Rest der Familie war weiter im Tiefschlaf.

Tag 3-4

Der Sturm hatte sich gelegt und die AIDA Angela hatte 8 Stunden verloren. Neu-Tallin war gestrichen worden. Es ging nach Kopenhagen. Der Wind hatte nun verträgliche Stärke 5-6 und endlich wurden die Segel ausgebracht. Darauf hatte vor allem Johan gewartet. Segeln wie die Seeräuber. Die 4 auf dem Schiff stehenden großen Stahlsäulen öffneten sich und vollautomatisch fuhren je Mast 2 wunderbare rote Segel aus. Man fühlte sich wie zurückversetzt ins 18. Jahrhundert. Neben allerhand Animationen an Bord, war Müßiggang Sinn des Aufenthalts. Allein die Verpflegung hatte sich zum vorigen Jahrhundert leicht verändert. Das Thema Fleisch war umstrittener geworden. Durch den weltweiten Wegfall von Landfläche, waren auch Anbaufläche für Tierfutter als auch Weideland merklich zusammengeschrumpft, was die Lobby der Vegetarier auf den Plan rief. Fleisch zu essen hatte mittlerweile etwas anrüchiges. Man verging sich am Planeten. Wobei sich neutrale Beobachter fragten, was denn Viehzucht im Vergleich zum Betreiben eines Kohlekraftwerkes für ein Vergehen wäre. Auf dem Schiff gab es jedenfalls in den 8 Tagen an drei Tagen ein Buffet mit Fleisch. Gott wie dekadent! Und oberaffengeil dazu! Wunderbare Roastbeefs, Porterhaus-Steaks, Schnitzel, Medaillons von Rinderfilet, Elchbraten, Schweinekrustenbraten usw.. Allein dafür hatte sich die Fahrt gelohnt. Die in der Kantine üblicherweise servierten, politisch korrekten Soja- oder Tofu-Buletten konnte Per schon nicht mehr sehen. Dazu natürlich leckeres aus dem Meer. Neu waren dazu die vielen Sülzen und Aufstriche aus Algen gekommen. Das ging aber nicht 7 Mal die Woche. Heute war wieder so ein leckerer  Tag. Fleisch sollte zur Zierde Ihres dritten Urlaubstages werden. Die abfälligen Blicke der Öko-Touristen waren ihm egal. Rein mit den Zähnen ins tote Tier. Bei Fisch war es fast schon genauso. Durch die Überfischung der Meere, galten viele Fischsorten quasi als Verbrechen, so sie denn auf dem Teller landeten. Aber im Urlaub durfte man mal richtig. Und damit die tuschelnden Juteträger noch ein wenig mehr mit den Zähnen knirschten, zog Per nach dem Essen eine große Cohiba aus der Innentasche des Sakkos. Die konnte man jetzt wieder Kaufen. Die meisten Kubaner lebten ja jetzt in Kanada und bauten dort Ihren Tabak an. Die Qualität passte also. Ab aufs Oberdeck.

Tag 5

Es ging gegen den Wind in Richtung ehemaliges Dänemark. Die Segel waren wieder eingeholt. Leider. Durch den Sturm war der Reisepunkt Neu Tallin ja nun trotz Bitten vieler Gäste tatsächlich gestrichen worden. Sehr schade, aber der Höhepunkt kam ja nun erst. Die drei Kreuzfahrtneulinge hatten das Highlight der Reise gebucht. Eine Fahrt mit dem an Bord befindlichen Mini-U-Boot nach unten in die alte dänische Hauptstadt. Schloss Rosenborg, Erlöserkirche, die Oper und wenn die Sicht gut war vielleicht die kleine Meerjungfrau, die man hatte stehenlassen. Das Boot erlaubte pro einstündigem Tauchgang maximal 6 Fahrgäste. Da man plante, hier 10 Stunden zu verweilen, war dieses Vergnügen also maximal 60 von insgesamt 800 Passagieren vergönnt. Wobei noch ca. 500 in der Lage gewesen wären, das U-Boot auch zu besteigen. Und vor allem ihm wieder zu entsteigen, ohne dass der Schweißbrenner hätte zum Einsatz kommen müssen. Entsprechend war der Vorverkauf des Ausfluges und das, obwohl der Trip stolze 100 EURubel (etwa 350 frühere EUR vor der Währungsunion mit Russland) pro Person kostete. Nun war es aber soweit. Die Drei krabbelten in die Stahlkapsel und das Boot begann zu fluten. Ein merkwürdiges Gefühl. Langsam glitten Sie in die Tiefe. Die Sicht war mäßig aber das musste noch nichts heißen. Vereinzelt sahen Sie Fische oder vorbeitreibenden Müll. Das Problem Müll war mit dem Anstieg der Meeresspiegel nicht besser geworden. Es hatte sich nur weiter verteilt in den Weltmeeren. Plötzlich zeigte der Kommandant nach rechts unten und schwenkte einen der acht großen Scheinwerfer dorthin. Sie waren von der alten Öresundseite wohl über dem Hafen angekommen, denn was sie da sahen, erinnerte das an die alten Kaianlagen. Die Fahrt ging weiter und bald kamen Sie an ein riesiges, eckiges Gebäude. „Das ist ein Stadion!“ rief Johan. „Richtig“ bestätigte der Kommandant. „Das National Stadion. Und daneben das Österbro Stadion.“ Sie trieben weiter und kamen schließlich, immer den alten Straßen entlang, zu Schloss Rosenborg. Verwachsen und vom Meer zurückerobert, aber doch zu erkennen und verwunschen schön. Und gar nicht weit weg davon, stand die kleine Meerjungfrau. Naja, wenn der Kommandant nicht mit allen Scheinwerfern draufgegangen wäre, hätte sie wohl keiner wiedererkannt. Trotzdem schön. „War das mal schön hier?“  fragte Johan aus dem Nichts. Die Erwachsenen schauten sich betroffen an und der Kommandant sagte dann „Ja klar, das war eine tolle Stadt. Da musst Du mal Filme drüber anschauen.“ Johan dachte nach. „Und warum hat sie dann keiner gerettet?“  Wieder betretenes Schweigen. „Das erzähl ich Dir heute Abend mal in Ruhe.“ erwiderte Per und Tilde verzog den Mund zu einem verlegenen Lächeln. Nach einer spannenden Stunde wurde die Luke geöffnet und sie konnten wieder frische Luft einatmen und Platz für die nächsten Gäste machen. Ein klasse Ausflug.

Tag 6 

Von Kopenhagen ging es nun aufgrund der sturmbedingten Kursänderung nach Hyvinkää, der neuen finnische Hauptstadt. Finnland war nach wie vor das Land der tausend Seen, aber eben jetzt von anderen. Manche waren in Fjorde integriert worden und insgesamt sah die Küste natürlich völlig anders aus, als vor hundert Jahren. Daher auch die neue Hauptstadt. Die veränderten Temperaturen ließen nun auch eine Besiedlung bis weit nach Lappland zu, was die vom Meer genötigten, früheren Küstenbewohner Finnlands und auch anderer Länder, dankbar annahmen. Der Platz wurde dringend benötigt. So hatte man Archive, Kulturgüter, Depots etc. in den Norden gebracht und eine weitere Stadt völlig auf den Kopf gestellt. Rovaniemi. Aus den ehemals 61.000 Einwohnern waren für finnische Verhältnisse irrwitzige 515.000 Einwohner geworden. Die Rentiere, die sonst in Ruhe hier lebten, hatten mittlerweile alle Burnout und tummelten sich oberhalb des Polarkreises, der seinen Namen ja auch nicht mehr verdiente. Die wenigsten der neuen Anwohner waren Finnen. Viele Dänen aber auch Esten, Letten und Litauer und ein paar Restsyrer hatten sich dort angesiedelt, da Ihnen in diese Richtung sympathischer war, als gen Moskau. Nun fuhr man also diese Stadt von Südosten mit dem Schiff an. Im 16. Jahrhundert wurde der Ort mit dem Errichten eines Wirtshauses an einem Verkehrsknotenpunkt und Handelsplatz erstmals erwähnt. Stadtrecht erhielten sie dort erst 1960 aber schon vor 1900 wurde  die erste private Eisenbahnstrecke Finnlands hier gegründet. Das erklärt auch das vor Ort befindliche Finnische Eisenbahnmuseum. Dorthin und in den der alten Hauptstadt nachgebauten Dom, wollten alle Kreuzfahrer, wenn sie hierher kamen. Und natürlich um Brotkäse mit warmem Räucherlachs zu essen. Lecker. Irgendwann fanden sich auch die drei Gerschen nach Ihrem Rundgang in einem der Cafe´s und aßen den flachen, gebackenen und mit Moltebeermarmelade bestrichenen Käse. Per und Tilde hatten dazu noch den warmen Räucherlach und ein Lapin Kulta. Johan natürlich nicht. Der hatte ein Eis geordert, denn die Temperaturen schwankten um  deftige 31 Grad. Mittlerweile völlig normal hier oben. Und noch ganz angenehm. In Gera konnte man im August eigentlich nur noch stundenweise vor die Tür. Ansonsten wurde man geröstet. Hier war es ein herrlicher Tag, der leider viel zu schnell verging. Gegen 19:45 Uhr sollten alle wieder an Bord sein und bis auf die üblichen ein oder zwei Pärchen, schafften das auch alle. Ein Paar, durfte unfreiwillig den Urlaub verlängern, da sie nach einer halben Stunde Verspätung immer noch nicht da waren. Weg war der Dampfer.

Tage 7 und 8 

Nach Abfahrt aus Hyvinkää ging es ohne Halt wieder zurück nach Helmstdt. Allerdings auch nicht ganz. Zwei kleine Highlights hatte man doch noch vorgesehen. Es war gute Tradition geworden, an alte, schöne Plätze oder Hafenstädte mit einem ortsbezogenen Ritual zu erinnern, wenn man über Sie hinweg fuhr. In diesem Fall Stockholm und Sylt. Gegen 17 Uhr kamen Sie auf Höhe 59° 20′ N, 18° 3′ O ziemlich exakt über dem alten Stockholm an. Der größte Teil der  Passagiere und die Crew standen auf dem Oberdeck und um den Pool herum. Ein Glocke ertönte und der Erste Offizier begrüßte alle. Er bot den Gästen, die sich trauten, an, an den backbord und steuerbord aufgebauten Buffets ihr „Klämma“ entgegenzunehmen und möglichst mit Begeisterung aufzuessen. Unter „notarieller“ Aufsicht natürlich!. Die Begeisterung besonders an den Rändern zu den Buffets hin, hielt sich in Grenzen, da in den vergangenen Minuten doch viele Dosen des guten, alten, schwedischen Surströmming geöffnet worden waren und der in Mrk und Bein gehende, vergorene Duft der Fischdosen,  mit dem Fahrtwind direkt in die Passagiertrauben geweht wurde. „Als ob die seit Tagen die Fischabfälle gesammelt hätten.“ hörte man einen Mann sagen. Klämma war eine schwedische Spezialität. Sie bestand aus einem Tunnbröd (eine Art Fladen) in das gekochte Kartoffeln, rote Zwiebeln und Butter zusammen mit eben jenem Surströmming gerollt wurden. Schwedischer Dürüm Döner sozusagen. Dazu gab es ein Glas Milch. Der Fisch an sich ist ausgewachsener Hering, der in Salzlake eingelegt wird, bis er vor sich hin gärt. Einen Monat vor dem Verzehr, wird er spätestens in Dosen verpackt, wo er weitergärt und sich Boden und Deckel der Dose heftig wölben. Daher bitte nur unter Wasser öffnen. Sonst ist die Umwelt versaut. Na jedenfalls trauten sich doch Dutzende, den Schwedendöner zu ordern und auch reinzubeißen. Nicht alle nahmen einen zweiten Biss und Etliche rannten unter dem Gejohle der Mitreisenden zur Rehling, um die Fische satt zu machen. Auch Johan schaffte nur einen Biss, aber Per kämpfte sich tapfer durch die Brotröhre. Dann noch das Glas Milch und schon hatte man sich die Urkunde „unerschrockener Bootsmaat der AIDA Angela“ verdient. Wobei Per darauf bestand, dass bei Ihnen Johan und Per vermerkt wurde. Den ersten Biss hatte ja Junior gemacht. Nach einem lustigen Abend an der Bar, schliefen alle dann zufrieden vor der letzten Etappe ein.

Nach einem wie üblich  üppigen Frühstück wurden Sie auf dem Panoramadeck von Bilderbuchwetter begrüßt. Von Stockholm ging es quer über das ehemalige Südschweden und Jütland Richtung Sylt. Hier war für heute Nachmittag die Sylter Prosecco-Taufe geplant. Seit Mittag lief übers Bord-TV eine lange Doku über Sylt, die Bewohner, den ganzen Schickimicki. Da es auf Sylt früher die besten Austern der Nordsee gegeben haben soll (Mittlerweile waren die aus dem Ruhrgebiet besser) , war klar, was anstand. Alle bekamen ein Glas Prosecco und eine Auster mit Zitrone. Der Kapitän hielt seine letzte Ansprache der Reise, erzählte teils melancholisch, teils ironisch  von der Insel und versenkte dann in Gedenken an die sinnlos dort begrabenen Millionen für die bis zuletzt überteuerten Häuser, die eh im Wasser versinken würden, eine echten friesischen Ziegelstein. „Prost“ Auster hoch, Kopp in Nacken, runter damit. Bäh. Prosecco schnell hinterher. Dann wurde traditionell von einer alten deutschen Band, genannt „Die Ärzte“ deren Lied „Westerland“ gespielt und getanzt bis zum Abend.

Letzte Nacht. Das Wetter hatte gehalten und am Morgen gönnten sich unsere drei Urlauber einen letzten Kaffee bzw. Kakao auf dem Achterdeck, wo der Wind nicht so blies. Johan konnte sich heute sogar mal von den vielen, phantastischen Flippern und Spielkonsolen lösen, die es in drei Salons des Schiffes in Hülle und Fülle gab. „Machen wir das nochmal?“ fragte Per. „Klar.“ kam es zweistimmig. „OK, dann nehmen wir aber eine neue Route über Neapel und das große Mittelmeer. Das wird eine tolle Reise, aber elend warm.“ gab er doch zu bedenken. „Die Kabinen haben doch Klima.“ warf Johan ein. „Ja, da will ich aber nicht den ganzen Urlaub bleiben.“ Schweigen. Dann sagte Tilde “ Dann fahren wir von Island nach Grönland. Dort ist es angenehm. Und Eisberge gibt es ja auch nicht mehr.“ Alle lachten. Als Sie am Abend des achten Tages in Helmstedt an der Seebrücke einliefen. spielte die Kapelle wieder „Junge, komm bald wieder.“ Und der Ausflug in die Vergangenheit lehrte auf jeden Fall zwei Dinge. Hoch wohnen ist eine Investition in die Zukunft und immer eine Wiese mit Stromanschluss freihalten.

ML191215

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